Engagement des FFC Pohlheim reicht weit über den sportlichen...

Blerina Dervishi hat beim FFC Pohlheim den Sprung von den B-Juniorinnen in die Gruppenliga geschafft. Fotos: Seva

Aufsteiger FFC Pohlheim ist in der Fußball-Gruppenliga der Frauen derzeit das Maß aller Dinge. Sämtliche Spielerinnen sind Eigengewächse und die Abteilung ein Integrationsprojekt.

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POHLHEIM. Was für ein Aufsteiger! 10 Siege, 1 Unentschieden, 1 Niederlage, 50:10 Tore, 8 Punkte Vorsprung auf den Zweiten - der FFC Pohlheim ist in der Fußball-Gruppenliga der Frauen in dieser Saison das Maß aller Dinge. Das Besondere: Sämtliche Spielerinnen sind Eigengewächse. Und die Abteilung ist ein Integrationsprojekt. Die Eltern der Sportlerinnen stammen aus 18 verschiedenen Nationen. Der FFC betreibt eine Jugendarbeit, um die ihn etablierte Vereine beneiden. Die U14- und U16-Mannschaften kicken in der Hessenliga, im Bereich der U10 und jünger tummeln sich 40 bis 50 Mädchen. Die Pohlheimer können aus dem Vollen schöpfen.

"Die besten Trainer ganz unten einsetzen - so lautet unsere Philosophie", erklärt Trainer Turgay Schmidt. Der dynamische Rechtsanwalt, Dreh- und Angelpunkt im Verein, ist sehr zufrieden mit der Entwicklung. "Nächste Saison werden wir eine zweite Frauenmannschaft aufstellen müssen, damit alle Spielerinnen, die trainieren, auch Spielpraxis erhalten", sagt er. Das Einzugsgebiet, das anfangs innerhalb der Pohlheimer Gemeindegrenze lag, reicht mittlerweile von Weilburg bis hinter Nidda und von Butzbach bis hinter Marburg.

Im Jahre 2010 hat Jugendtrainer Schmidt unter dem Dach des FC Grüningen mit den dort zusammen mit den Jungen trainierenden Mädchen unter dem Namen FFC Pohlheim eine eigene Abteilung gegründet. Aylin Göktas war unter der Handvoll, die damals an den Start ging. Vom Aufstieg in die Verbandsliga will die Frau der ersten Stunde trotz der souveränen Tabellenführung im Augenblick nicht reden. Zu gut erinnert sich die 22-Jährige an das erste Gruppenliga-Gastspiel der Pohlheimerinnen vor zwei Jahren. Damals stieg die hoch veranlagte Truppe gleich wieder ab. "Bei uns ist Vieles Kopfsache", sagt Göktas. "Wir passen uns gern dem Gegner an, anstatt unser eigenes Spiel aufzuziehen. Diese Saison klappt das schon wesentlich besser. Wir haben aber noch Luft nach oben."

Dass der Trainer so viele U16-Spielerinnen einsetzt - mit einem Altersdurchschnitt von knapp unter 19 Jahren stellt der FFC Pohlheim die mit Abstand jüngste Mannschaft der Liga - hält sie für unproblematisch. "Körperbetontes Spiel kennen die Mädchen aus der U16-Hessenliga. Sie sind sehr stark und leistungsbereit", lobt die Stürmerin. "Außerdem setzt sie der Trainer dosiert ein, lässt viel rotieren, damit niemand überbelastet wird."

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Torhüterin Jana Leib nickt zustimmend. Außerhalb des Platzes ist die Heuchelheimerin unter der Woche ständig an Schulen im Gießener Raum unterwegs und betreut dort Fußball-AGs für Mädchen. Der DFB hat die 19 Jahre alte Lehrsamtstudentin, die bereits über eine Trainerlizenz verfügt, für ihr außerordentliches Engagement 2017 als "Fußball-Heldin" ausgezeichnet.

Aus sportlicher Sicht sieht Trainer Schmidt das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. "Hessenliga ist auch im Frauenbereich unser mittelfristiges Ziel", meint er. "Aber ab einer gewissen Spielklasse muss man dann seinen eigenen Status und die Möglichkeiten sorgfältig prüfen. Wir setzen klare Prioritäten. Leistung ja. Aber Schule, Ausbildung und Beruf sind wichtiger. Anders als bei den Männern können Frauen mit Fußball nicht reich werden. Das bleibt ein ambitioniertes Hobby, höchstens im semiprofessionellen Bereich". Alle Trainer und Betreuer des FFC üben ihre Tätigkeiten ehrenamtlich aus. Unterstützung von dritter Seite gibt es nicht. "Vor Kurzem haben wir einen Ausrüstervertrag mit dem spanischen Sportartikelhersteller Joma mit einer Laufzeit von vier Jahren abgeschlossen", freut sich Schmidt.

Das ursprüngliche Sportprojekt mit der Gründungsidee "Mädchenfußball in Pohlheim" hat sich zu einem Sozialprojekt gemausert. Über die vom FFC betreuten Schul-AGs finden viele Mädchen mit Migrationshintergrund, insbesondere in Pohlheim wohnende Aramäerinnen, Zugang zu gesellschaftlichen Angeboten. Über den Spielbetrieb hinaus sind Hausaufgabenbetreuung, Ferienaktionen, Kinobesuche und Ausflüge, auch in Verbindung mit nationalen und internationalen Fußballturnieren, fester Bestandteil des Vereinsalltags.