Therapeuten: „Klimaangst” immer häufiger Thema

Wer spürt, dass die eigenen Krisenängste überhandnehmen, sollte sich genügend Pausen zugestehen.

Wie geht es mit uns weiter? Umweltfragen spielen in der Psychotherapie zunehmend eine Rolle. Wer sich besonders sorgt und was Betroffenen überhaupt helfen kann.

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Inwiefern spielt „Klimaangst” in den Beratungsgesprächen eine Rolle?

Ob Ukraine oder Klimakrise – umgebungsbezogene Themen nehmen in der Psychotherapie insgesamt zu, sagt Christoph Nikendei, Leitender Oberarzt an der Universitätsklinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik in Heidelberg. Die Frage „Wie geht es mit uns weiter?“ dringe immer mehr in die Kliniken ein, beschäftige insgesamt immer mehr Menschen. Vor allem bei jüngeren Frauen mit umweltbezogenen Einstellungen sei dies der Fall. „Viele meiner Patienten sind sehr verzweifelt, suchen Rat und wünschen sich Unterstützung und Begleitung“, sagt Nikendei. Aber auch bei den niedergelassenen Psychotherapeutinnen und -therapeuten sind die Sorgen um das Klima in den Therapien zunehmend ein Thema, weiß Sabine Maur, Präsidentin der Landespsychotherapeutenkammer Rheinland-Pfalz. Mit weitreichendem Effekt: „Für einige Menschen wirkt sich die Situation etwa auch auf die Entscheidung aus, ob sie Kinder bekommen wollen“, so Maur.

Was versteht man unter „Klimaangst“?

Die Klimaangst oder „Eco-Anxiety“ sei eine umweltbezogene Angst, die im Zusammenhang mit der globalen Erderwärmung entstehe, so Nikendei. „Dies können zum Beispiel Sorgen und Ängste vor dem Verlust der Lebensgrundlagen, einer sich zuspitzenden wirtschaftlichen Situation, der fehlenden politischen Durchsetzungsfähigkeit oder der Infragestellung der Zukunft der Kinder sein.“ Verschiedene Studien zeigten, dass sehr viele Menschen eine solche Klimaangst verspüren. „Weltweit sorgen sich zirka 80 Prozent aller Menschen darüber, in Deutschland zwei Drittel“, berichtet Kathrin Macha, die Klimabeauftragte der rheinland-pfälzischen Psychotherapeutenkammer.

Wie äußert sich „Klimaangst“?

Diese Angst könne sich ganz unterschiedlich äußern, berichtet Macha, die sich auch bei den „Psychologists for Future” engagiert. Etwa durch Schlafschwierigkeiten, Ruhelosigkeit oder Gedankenschleifen. „Und sie ist nur eins von vielen angemessenen Gefühlen, die durch die Auseinandersetzung mit der Klimakatastrophe entstehen“, führt sie fort. „Menschen reagieren häufig auch mit Hoffnungslosigkeit, Trauer oder Wut – zum Beispiel da die politischen Maßnahmen nicht ausreichend sind.”

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Wer ist hiervon besonders betroffen?

„Von der Sorge vor den klimatischen Veränderungen sind vor allem Kinder und Jugendliche betroffen“, erklärt Nikendei. Schließlich müssen diese einen Großteil ihres Lebens mit den Folgen der Katastrophe leben. Aber auch Menschen in Risikogebieten oder Menschen, die den Ernst der Lage genau kennen würden, wie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, seien von Klimaangst besonders betroffen, ergänzt Macha.

Ist „Klimaangst” eine Krankheit?

Nein. Erst einmal nicht. „Es ist richtig und situationsangemessen, wenn wir auf die aktuelle Situation ängstlich und sorgenvoll blicken, denn sie ist – rein wissenschaftlich – extrem bedrohlich“, sagt Nikendei. Sie könne jedoch auch zu klinischen Phänomenen führen, in denen es im Extremfall zu Rückzug, Vermeidung und gedanklicher Einengung und permanenter Unruhe komme. „Man könnte sagen, dann besteht eine klinisch relevante Klimaangst“, erklärt er.  

Wie kann die Psychotherapie bei „Klimaangst“ überhaupt helfen?

Da die Auswirkungen des Klimawandels real sind, können diese nicht „weg therapiert” werden. „Und die damit zusammenhängenden Gefühle auch nicht“, so Macha. Es handele sich also um völlig angemessene Gefühle, die keiner Therapie bedürften. Vielmehr bedürfe es politischer Handlungsschritte, um unsere Gesundheit zu wahren. Therapeuten könnten durch ihre Fachkompetenz aber Patienten darin unterstützen, die Gefühle anzuerkennen, zuzulassen und ihre überlebenswichtige Funktion zu sehen. Und dann sinnvoll damit umzugehen, durch Austausch mit anderen etwa oder dadurch, selbst aktiv zu werden.

„Patient und Therapeut sitzen im selben Boot”, erklärt auch Nikendei. Das sei eine ganz besondere Situation in der Psychotherapie. Wie man dennoch helfen kann? „Vielleicht mit den Fragen, was Hoffnung gibt, wie man aktiv werden kann, wie man sich Halt in Gruppen oder der Familie oder in der Partnerschaft gibt oder auch nur, indem den Ängsten und ihrer Verbalisierung Raum gegeben wird“, sagt Nikendei.

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Welche psychologischen Mechanismen gibt es, mit dem Thema Klimawandel umzugehen?

Immer mehr Menschen nähmen die Klimakatastrophe ernst und bagatellisierten sie nicht mehr, so Macha. „Viele bemühen sich zum Beispiel um klimaschonende Verhaltensweisen im Alltag. Das ist ein guter Einstieg, um sich selbstwirksam zu fühlen. Und um zu sehen, dass eine klimagerechte Lebensweise auch sehr viele Vorteile bringt – wie Bewegung durch Fahrrad fahren, Gesundheit durch fleischarme Ernährung oder die Schönheit nahegelegener Urlaubsziele ohne Fliegen“, sagt sie. Zahlreiche Studien zeigten zudem, dass es gut für die psychische Gesundheit ist, durch gesellschaftliches oder politisches Engagement gemeinsam mit anderen der eigenen Hilflosigkeit entgegenzuwirken. Auf der anderen Seite gebe es aber auch manche Menschen, die die Klimakrise besonders gut verdrängen und somit ausblenden könnten. Das sei zwar in gewisser Weise gesund und schütze die Psyche. Im Hinblick auf die Klimakatastrophe seien zu starke Abwehrmechanismen jedoch kontraproduktiv, sagt Psychologin Kathrin Macha.

Ab wann sollten sich Betroffene Hilfe holen – oder was können Menschen tun, die unter besonders starken Ängsten leiden?

Wichtig ist, zwischendurch auch Abstand vom Thema zu gewinnen, so Macha. Also die Zeit mit Nachrichten zu begrenzen und Aktivitäten nachzugehen, die einem selbst guttun. Darüber hinaus sei es wichtig, sich auszutauschen und anzuvertrauen, ergänzt Nikendei. So werde in den Familien zum Beispiel bislang häufig sehr wenig über Klimasorgen gesprochen. Aber auch sich zu informieren, zu engagieren, zu demonstrieren, wählen zu gehen und das umweltverträglich zu tun, was vor der Nase liege, sei sinnvoll. Und wenn die Ängste doch zu stark werden? „Wenn man das Gefühl hat, dass die Ängste und Sorgen im Alltag sehr stark sind, einen beeinträchtigen und die eigenen Bewältigungsversuche nicht mehr ausreichen – dann kann professionelle Unterstützung hilfreich und angezeigt sein“, so Macha. Allerdings sei es eher selten, dass Menschen eine Therapie ausschließlich aufgrund von Klimaangst aufsuchten. „Vielmehr erleben wir, dass Patientinnen zusätzlich zu den Problembereichen, weshalb sie eine Therapie aufsuchen, vom Krisengeschehen belastet sind“, sagt sie. Die Patienten sprächen daher immer häufiger die Klimakatastrophe und damit zusammenhängende Gefühle von sich aus an.