Gastkommentar von Nico Lumma zum IT-Nachwuchs: Wir brauchen Leute

aus Gastkommentator Nico Lumma

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Nico Lumma Foto: next media accelerator/nma.vc

Das Land der Ingenieure steht ohne Menschen da, die die Zukunft bauen können, schreibt Netzpolitiker Nico Lumma in seinem Gastbeitrag.

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. Deutschland macht jetzt ernst mit der Digitalisierung. Das jedenfalls hört man immer wieder von führenden Vertreterinnen und Vertretern aus Politik und Wirtschaft.

Leider hat man nur ein klitzekleines Detail vergessen. Wir haben gar nicht genügend Leute, um so richtig loszulegen, wir schaffen es gerade mal so eben, halbwegs den Status Quo zu halten. Laut einer Studie des Branchenverbandes Bitkom fehlen mittlerweile über 100 000 IT-Fachkräfte. Dieser Bedarf ist nicht über Nacht entstanden, aber nun steht Deutschland, das Land der Ingenieure, ohne Leute da, die die Zukunft bauen können.

Während man in den USA schon früh erkannt hat, dass man Software Engineers benötigt, also Software Ingenieure, hadern deutsche Universitäten immer noch damit, praxisnahe Entwicklerinnen und Entwickler auszubilden. Hinzu kommt, dass wir in Deutschland immer noch knapp die Hälfte des Potenzials an Nachwuchskräften im IT-Bereich ignorieren, denn junge Frauen sind immer noch unterrepräsentiert. Fachliche Gründe gibt es dafür nicht, nur mangelnden Veränderungswillen. Ebenso fehlt immer noch eine groß angelegte Kampagne für die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), damit Jugendliche und ihre Eltern frühzeitig von den späteren beruflichen Möglichkeiten erfahren. Wir haben auch schlicht keine Tech-Vorbilder, die es aus Deutschland zu Weltruhm gebracht haben, mit der rühmlichen Ausnahme von SAP, die allerdings auch schon Anfang der 70er Jahre gegründet wurden.

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Deutschland droht gerade seinen Technologie-Vorsprung zu verspielen, weil wir nicht nur nicht mehr hinterherkommen, sondern uns auch weigern, endlich die richtigen Weichenstellungen vorzunehmen. Es gibt erfreuliche Entwicklungen wie die Code University in Berlin, die allerdings noch viel zu klein ist. Ebenso gibt es die Hackerschool, die Schülerinnen und Schüler in Zusammenarbeit mit Unternehmen in Nachmittagskursen an das Programmieren heranführt, oder die gemeinnützige Firma Appcamps, die Lehrerinnen und Lehrer schult, damit diese Grundlagen des Programmierens vermitteln können.

Aber das ist alles noch viel zu wenig. Es muss unser Anspruch sein, dass wir in Deutschland die Technologien der Zukunft entwickeln. Dabei spielt natürlich Software eine große Rolle, aber wir benötigen generell andere Kompetenzen als im 20. Jahrhundert. Man sieht aktuell, wie sehr wir ins Hintertreffen geraten sind, bei der Diskussion, ob wir in Deutschland beim 5G Netzausbau lieber auf Huawei aus China oder Cisco aus den USA setzen wollen. Bei der kritischen Infrastruktur der Zukunft spielt leider kein deutscher Anbieter mehr eine Rolle, denn Siemens hat sich aus dem Geschäft lange zurückgezogen. Die technologische Entwicklung wird derzeit von den USA und China vorangetrieben. Als Europäer müssen wir weiterhin dafür sorgen, dass wir die Entwicklung beeinflussen können, damit wir unsere Vorstellungen von Freiheit und Sicherheit durchsetzen können. Das klappt nur, wenn Deutschland endlich zum Motor der digitalen Entwicklung in Europa wird. Davon sind wir allerdings immer noch weit entfernt. Ohne die geeigneten Köpfe wird es auch noch lange dauern und Unternehmen werden weiterhin Outsourcing betreiben müssen, weil nicht genügend IT-Spezialisten im Land sind. Solange dominieren die USA und China die digitalen Themen und prägen damit unsere Zukunft. Es kann nicht in unserem Interesse sein, dass Deutschland passiv bleibt und zuguckt, wie andere Länder losrennen. Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt, bleibt aber bei der Digitalisierung konsequent hinter den Möglichkeiten zurück.

Also sprechen Sie mit Ihren Kindern über MINT. Es geht um unsere Zukunft. Und um sichere Jobs für Ihre Kinder.

Von Nico Lumma