Gastkommentar von Nico Lumma: Wir sparen, bis es quietscht

aus Gastkommentator Nico Lumma

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Nico Lumma Foto: next media accelerator/ nma.vc

„Spare, spare, dann hast Du in der Not!“ – wir alle kennen diesen Spruch, der für private Haushalte auch gut passt. Wenn allerdings Staat und Wirtschaft zu viel sparen...

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. „Spare, spare, dann hast Du in der Not!“ – wir alle kennen diesen Spruch, der für private Haushalte auch gut passt. Wenn allerdings Staat und Wirtschaft zu viel sparen und nicht investieren, dann haben wir nicht in der Not, sondern dann fehlen die Grundlagen. Das sehen wir aktuell an vielen Stellen. Unsere Bahn war mal ein Vorzeige-Unternehmen und wurde kaputt gespart, sodass wir die Mobilitätswende nur eingeschränkt hinbekommen. Unsere Kindergärten, Schulen und Universitäten arbeiten im Dauersparmodus. Schwimmbäder machen zu, Sportanlagen werden nicht renoviert, Städte veröden. Die Bundeswehr ist dankbar für jeden einzelnen Panzer, der noch rollt und jedes Flugzeug, das fliegt. Unternehmen sparen sich die Kekse bei Meetings, es wird auf Reisen verzichtet, Hauptsache sparen. Die Liste lässt sich endlos fortsetzen.

Deutschland ist die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt und hat es geschafft, sich in eine Position zu manövrieren, die bizarr ist. Wir können vor Kraft kaum laufen, haben volle Taschen und gleichzeitig zerbröselt die Infrastruktur, die Wirtschaft steht vor immer größeren Problemen und die Gesellschaft fällt immer mehr auseinander.

Gleichzeitig sehen wir, dass die Herausforderungen zunehmen.

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Es wird höchste Zeit, dass wir aufhören, nur zu sparen, bis es quietscht. Wir müssen investieren an allen Ecken und Enden. Unternehmen müssen die Arbeitsplätze der Zukunft entwickeln, der Staat muss in ganzer Breite investieren, von Bildung über Infrastruktur bis zum Klimawandel. Gleichzeitig werden Bundesmittel nicht abgerufen, weil Kommunen dazu finanziell und personell nicht mehr in der Lage sind.

Wir haben es verlernt, eine positive Erzählung von der Zukunft zu entwickeln, die es erstrebenswert macht, Geld auszugeben, um die Zukunft zu gestalten. Stattdessen geben wir unfassbar viel Geld aus, um einigen Branchen den Status Quo zu sichern, weil sie lange Jahre nichts getan haben und plötzlich vom Wandel überrascht wurden. Dies können wir aktuell beim Kohleausstieg bewundern und in wenigen Jahren wird die Automobilbranche die Hand so richtig aufhalten, damit die Allgemeinheit den Wandel finanziert, weil die Unternehmen bislang zu wenig Interesse daran hatten.

Wir können nicht mehr länger auf Sicht fahren, wir müssen es schaffen, große Würfe zu entwickeln, damit allen klar ist, wo wir in Deutschland hinwollen. China will Weltmarktführer im Bereich Künstliche Intelligenz werden und investiert in Bildung, Forschung und Entwicklung sowie Startups. Frankreich will innovativer werden und investiert fünf Milliarden in Startups. EU-Kommissionschefin von der Leyen hat gerade in Davos beim Weltwirtschaftsforum erneut für den Green Deal der EU geworben, bei dem es um die Investition von einer Billion Euro geht, um Europa bis 2050 zu einem klimaneutralen Kontinent zu machen.

Deutschland will gar nichts wirklich, wurschtelt sich irgendwie durch, freut sich aber, wenn man uns noch mitspielen lässt. Wir geben keinen Weg vor, wir gucken zu und andere machen. Dafür sind wir die Meister des Klein-Kleins geworden, ergötzen uns an den winzigsten Fortschritten, auch wenn wir unfassbar lange darüber reden und kaum machen. Aber vor allem versuchen wir immer, nicht zu viel Geld auszugeben. So wird alles Murks und nichts klappt mehr so richtig.

Für 2020 würde ich mich sehr darüber freuen, wenn wir den Schalter umlegen, die Spar-Doktrin sein lassen und stattdessen unsere Steuern dafür nutzen, in unsere eigene Zukunft zu investieren. Dann entstehen neue Arbeitsplätze, unsere Kinder werden erstklassig ausgebildet und die Wirtschaft kann die Herausforderungen anpacken, während wir alle zusammen die Klimakrise meistern und den Zusammenhalt der Gesellschaft stärken. Mit nur Sparen wird das nichts, sondern nur mit Investitionen in das Land und seine Bürgerinnen und Bürger.

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Von Nico Lumma