Projekt Zukunft: Wie mobil sind wir in 50 Jahren?

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Wie werden wir künftig unterwegs sein?  Grafik: stock.adobe / lassedesignen

Stehen wir weiter im Stau, oder werden wir uns von Ort zu Ort beamen? Einen Ausblick auf die Welt der Mobilität in 50 Jahren wagt im Interview Verkehrsforscher Prof. Dr....

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REGION. Werden wir uns in 50 Jahren von Ort zu Ort beamen oder weiter im Stau auf der Autobahn versauern? Wird es noch mit fossilen Brennstoffen betriebene Fahrzeuge geben und werden Roboter die Autos lenken? Werden Bus und Bahn kostenlos sein? Verkehrsforscher Michael Schreckenberg hat für uns in die Glaskugel geblickt

Prof. Schreckenberg, werden wir nicht mehr selbst Auto fahren? Es wird Bereiche geben, in denen Autos tatsächlich autonom fahren werden. Aber auf absehbare Zeit werden wir (noch) selbst den Lenker in die Hand nehmen (müssen). Denn es gibt weiterhin zu viele ungeklärte Fragen. Wenn ein autonom fahrendes Auto sich zum Beispiel zu 100 Prozent an alle Regeln hält, leidet letztlich auch der Verkehrsfluss stark darunter. Wenn die EU will, dass Fahrzeuge autonom ihre Geschwindigkeit bestimmen, frage ich mich, wie das gehen soll, alleine wenn ich an unseren Schilderwald denke. Vollautonomes Fahren wird es wohl nie geben. Wir reden höchstens von einem Mix aus automatisiertem und autonomem Fahren. So sind beispielsweise Busse in Pilotprojekten auf vordefinierten Spuren und unter Aufsicht von Begleitpersonen unterwegs. Für wirklich autonomes Fahren müsste ein Fahrzeug im normalen Verkehr in jeder Situation nach eigenen Regeln handeln können.

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Wie werden wir uns in 50 Jahren fortbewegen? In 50 Jahren werden wir uns (hoffentlich) flexibler bewegen. Der öffentliche Verkehr, sprich Bus und Bahn, wird eine wesentlich wichtigere Rolle spielen, die Brennstoffzelle wird dann flächendeckend an den Start gehen und es werden vielleicht ganz andere Fortbewegungsarten wie Flugtaxis oder Seilbahnen zum normalen Alltag zählen. Aber auch für Flugtaxis gilt: Vollautonomes Fliegen bleibt erst einmal Science Fiction.

Wie sieht der ÖPNV der Zukunft aus? Der Öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) ¬der Zukunft sollte preislich wie vom Komfort her attraktiv sein. Ich habe den kostenfreien ÖPNVvorgeschlagen, in Wien kostet ein Tag nur noch einen Euro. Aber wir müssen eine bessere Vernetzung und Infrastruktur haben, sonst werden die Menschen selbst so ein Angebot nicht annehmen. Die jungen Leute heutzutage wollen überhaupt kein Auto mehr besitzen. Doch man muss Bus und Bahn ertüchtigen. Derzeit geschieht nichts, um die jungen Menschen zum ÖPNV zu locken. Auch fehlt die Vernetzung zwischen den Verkehrsträgern.

Wie lassen sich Mobilität und Nachhaltigkeit vereinen? Das werden die Verkehrsteilnehmer selbst bestimmen. Für sie ist ja die Mobilität da. Die Frage ist, was man unter „Nachhaltigkeit“ versteht, also etwas geringere Umweltbelastung. „Nachhaltig“ könnte bedeuten, zu überlegen, wie viel Verkehr überhaupt notwendig ist. Da sind wir schnell beim Thema Güterverkehr. Und der wächst.

Wie werden Städte ihren Verkehr organisieren? Verkehr in den Städten wird vom Öffentlichen Verkehr, das heißt vor allem Bus und Bahn, bestimmt, kleinere umweltfreundliche Fahrzeuge werden dann aber immer noch fahren. Vielleicht bekommen wir zur Regulierung ja auch eine City-Maut. Wir werden in Zukunft womöglich digital gestützte, intelligente Einparksysteme haben. 30 Prozent des städtischen Verkehrs besteht in der Parkplatzsuche. Reduziert man diese, senkt man auch den Schadstoffausstoß. Die Zukunft gehört im Stadtverkehr sicherlich nicht den großen Fahrzeugen wie dem SUV. In den Parkhäusern ist ja nicht einmal genügend Platz für diese Kolosse.

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Werden wir uns künftig an andere Orte beamen? „Scotty, beam‘ mich hoch“? Als Physiker kenne ich die Grenzen des „Beamens“, was in Science-Fiction-Filmen ja häufig praktiziert wird. Hier sollte man nicht zu optimistisch sein. So ist es Forschern in der Schweiz zwar gelungen, eine Information über eine Distanz von mehr als sechs Millimetern von einer Ecke eines Chips in dessen gegenüberliegende Ecke zu „beamen“. Doch mit ein paar gebeamten Atomen ist es eben nicht getan.

Wie lange wird es noch Verbrennungsmotoren geben? Verbrennungsmotoren wird es noch lange geben. Was aber verbrannt wird, ändert sich bestimmt. Erdgas beispielsweise wird eine größere Rolle spielen. Auf der ganz großen Skala mit 45 Millionen Autos gibt es heute keine echte Alternative für Verbrennungsmotoren.

Wie bleibt der ländliche Raum mobil? Der ländliche Raum muss mobilitätsmäßig attraktiver werden. Mit individuellem Öffentlichen Verkehr und einer besseren Anbindung an den „normalen“ Öffentlichen Personennahverkehr sollte dies möglich sein. Durch die Digitalisierung kann man das Angebot des ÖPNV, also Bus und Bahn, mit alternativen Verkehrsangeboten wie Car- oder Ridesharing verknüpfen.

Werden wir in Flugzeugen ohne Piloten fliegen? Piloten in großen Maschinen wird es immer geben, auch der Autopilot ist ja auch nur ein Assistenzsystem. Bei Flugtaxis denkt man jetzt über autonome Systeme nach, die es bestimmt irgendwann einmal geben wird. Aber die Sicherheit steht immer im Vordergrund und da sind noch viele Fragen zu klären.

Güterverkehr und kein Ende. Kollabiert unser System? Ein Lastwagen entspricht in der Abnutzung einer Straße etwa 60000 Autos. Jedes Jahr steigt der Güterverkehr um zwei Prozent. Leider geht der Güterverkehr weiter hauptsächlich über die Straße, die Schiene bringt da nicht wirklich Entlastung. Das wird das Hauptproblem der Zukunft sein.

Werden Fahrzeuge miteinander reden? Vernetzung gibt es heute ja schon. Die Warnung vor Stauenden ist ein wichtiges Thema dabei. Aber auch um den Verkehrsfluss zu erhöhen, wird die Vernetzung eine Rolle spielen. Die Wissenschaft kann dabei viel vom tierischen Schwarmverhalten lernen. Wir haben das in Simulationen durchgespielt. Verhalten sich Fahrzeuge wie ein Schwarm, bewegen sie sich synchron, dann verringern sich Staus und Unfälle. Auch den Schadstoffausstoß kann man reduzieren. Zwar können einzelne Fahrzeuge, die nicht mit dem Schwarm verbunden sind, „mitgezogen“ werden. Allerdings müssen für wirkliches Schwarmverhalten alle Autos und Lkw vernetzt sein. Das ist derzeit noch eine Zukunftsvision.

Wie sehen Sie diese Fragen? Welche Position haben Sie? Machen Sie bei unserer Umfrage mit! Schreiben Sie uns, diskutieren Sie mit uns auf unseren Social-Media-Kanälen, oder schreiben Sie uns an projektzukunft@vrm.de.

Von Markus Lachmann