"Fußprobleme nicht verschleppen"

Wetteraukreis (red). Jeder zehnte Bundesbürger ist nach aktuellen Zahlen an Diabetes mellitus erkrankt - und die Dunkelziffer ist hoch. Das führt dazu, dass bei...

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. Wetteraukreis (red). Jeder zehnte Bundesbürger ist nach aktuellen Zahlen an Diabetes mellitus erkrankt - und die Dunkelziffer ist hoch. Das führt dazu, dass bei Diagnosestellung eines Diabetes mellitus Typ 2 jeder Zweite bereits Folgeerkrankungen an Augen, Nieren, Nerven oder dem Herzen aufweist. In Mittelhessen dürften etwa 100 000 Menschen betroffen sein.

Besonders kritisch: Weil eine Diabetes-Erkrankung in etwa einem Drittel der Fälle zu Problemen an den Füßen führt, sind jährlich mehr als 30 000 Menschen in Deutschland von Amputationen betroffen. In diesem Fall gibt es ab sofort ein verbrieftes Recht auf eine Zweitmeinung.

Bei jedem dritten Diabetiker führen Durchblutungsstörungen der Extremitäten sowie ein vermindertes oder fehlendes Schmerzempfinden (Polyneuropathie) dazu, dass harmlos erscheinende kleine Wunden am Unterschenkel oder Fuß (beispielsweise verursacht durch drückende Schuhe) nicht bemerkt werden und nicht abheilen. Werden diese Wunden nicht behandelt, können sich Entzündungen entwickeln mit der Folge, dass das Gewebe nachhaltig geschädigt wird oder sogar abstirbt. Die Folge: Je nach Befund müssen einzelne Zehen, Teile des Fußes oder sogar Beines amputiert werden.

"Menschen mit Diabetes mellitus haben ein 30-fach erhöhtes Risiko für Amputationen und damit für ihre Gesundheit. Beim Verlust großer Gliedmaßen liegt die Fünf-Jahres-Überlebenswahrscheinlichkeit der Betroffenen nur bei etwa 50 Prozent - das ist vergleichbar mit einigen bösartigen Tumorerkrankungen", erläuterte der Chefarzt der GZW Diabetes-Klinik Bad Nauheim, Dr. Michael Eckhard. Umso wichtiger sei es bei der Behandlung eines so genannten Diabetischen Fußsyndroms (DFS), Amputationen möglichst zu vermeiden, die Mobilität der Betroffenen zu erhalten und ihnen weiter ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

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Bereits seit Jahren setzt sich nach Dr. Eckhards Worten die Arbeitsgemeinschaft Fuß der Deutschen Diabetes- Gesellschaft (DDG) für ein unabhängiges verbindliches Zweitmeinungsverfahren vor Amputationen und für eine interdisziplinäre Versorgung dieser Patientinnen und Patienten ein. Die vor kurzem getroffene Entscheidung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA), gesetzlich versicherten Diabetespatienten vor einer Amputation die Einholung einer unabhängigen Zweitmeinung zuzubilligen, ist seiner Meinung nach ein wichtiger Schritt. Es sei allerdings zu hoffen, dass die derzeitige Freiwilligkeit dieses Verfahrens zumindest für hohe Amputationen verpflichtend werde.

Wichtig ist nach Auffassung des Diabetologen, dass die Zweitmeinung bei Ärztinnen und Ärzten eingeholt werde, die in der Behandlung des diabetischen Fußsyndroms kompetent und erfahren seien und über ein interdisziplinäres, multiprofessionelles Team verfügten. "Wer Mediziner sucht, die über die genannten Qualifikationen verfügen, kann zum Beispiel auf der Internetseite der AG Fuß der DDG (https://ag-fuss-ddg.de/zertifizierung/suche-nach-fussbehandlungseinrichtungen.html) via Eingabe von Postleitzahlen oder Regionen zertifizierte Fußbehandlungseinrichtungen ausfindig machen", sagt Eckhard. Ebenso wie die DDG gehe er davon aus, dass Patienten mit diabetischem Fußsyndrom bei rechtzeitiger Inanspruchnahme eines solchen Zweitmeinungsverfahrens stark einschränkende Amputationen vielfach erspart blieben.

Bei dieser Gelegenheit betonte Eckhard auch, wie wichtig es gerade in Zeiten der Corona-Krise für Menschen sei, denen die eigenen, schützenden Wahrnehmungen für zum Beispiel Druck, Schmerz oder Temperatur erkrankungsbedingt abhanden gekommen seien, Fußprobleme nicht zu verschleppen.