Bad Nauheimer Klinik Vorreiter bei Hebammen-Studium

Leitende Hebamme Margit Gründer, Studentin Rebekka Flämig und Projektkoordinatorin Carolin Junghahn (v.l.) sind begeistert von ihrem künftig akademischen Beruf. Foto: Rohde

Künftig wird die Hebammenausbildung verpflichtend ein akademischer Beruf. Im Bad Nauheimer Hochwaldkrankenhaus nimmt man hier eine Vorreiterrolle ein, die Hebammen sind hoch...

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WETTERAUKREIS. (red). Wer weiß schon, dass eine Hebamme ohne Arzt einem Kind auf die Welt helfen darf, ein Arzt jedoch nie ohne Hebamme? Mit der inzwischen verpflichtenden Akademisierung der Hebammenausbildung wird diesem hohen, vielfach aber unbekannten Stellenwert der Geburtshelferinnen Rechnung getragen. „Es geht auch darum, auf Augenhöhe miteinander zu kooperieren“, betont Dr. Anika Rifi, Oberärztin der geburtshilflichen Abteilung der Frauenklinik Bad Nauheim. Im Gespräch mit Leitender Hebamme Margit Gründer, Hebamme Carolin Junghahn und Hebammenstudentin Rebekka Flämig wird deutlich, welche Schubkraft für eine ganze Abteilung das verpflichtende Studium Hebammenkunde haben kann, dessen Organisation für Hessen Wissenschaftsministerin Angela Dorn präsentiert hat.

Als Margit Gründer (55) 1992 in Berlin ihre Ausbildung beendete, hatte sie den bis dahin klassischen Weg absolviert: Besuch einer dreijährigen Hebammenschule mit Praxiseinsätzen, deren Inhalte dem Lehrjahrgang entsprechend streng geregelt waren. „Im ersten Jahr durfte ich nur zuschauen, im zweiten Jahr betreute ich Geburten, danach hieß es: Drittes Jahr? Jetzt kannst du das“, fasst Gründer ihre Erfahrungen zusammen.

„Heute ist das ganz anders, man wächst entsprechend seiner individuellen Begabung ganz natürlich in die Aufgabe hinein“, knüpft Carolin Junghahn direkt an. Die 27-Jährige stammt aus Oberursel, wusste schon vor dem Abitur, dass sie „in Richtung Medizin“ wollte. Auf einer Berufsmesse erfuhr sie von dem Bachelorstudiengang Hebammenkunde, der damals bereits einige Jahre in Bochum und seit einem Jahr auch in Fulda angeboten wurde. Sie bewarb sich, wurde in Fulda genommen und wählte unter den kooperierenden Frauenkliniken das Hochwaldkrankenhaus Bad Nauheim aus.

„Vor etwa zehn Jahren ist in unserer Abteilung die Entscheidung gefallen, selbst auszubilden“, erinnert sich Gründer. Der von Chefarzt Dr. Ulrich Groh gegebene Impuls war auch eine Konsequenz aus den wellenförmig wiederkehrenden Problemen, offene Stellen adäquat zu besetzen. Die geburtshilfliche Abteilung der Frauenklinik Bad Nauheim hatte seinerzeit mit der Zertifizierung als „babyfreundlich“ ihre Neuaufstellung eingeleitet. Diese führte über mehrere Schritte – darunter die frühe Kooperation mit der Fachhochschule Fulda beim Hebammenstudium – bis zur Einrichtung des hebammengeleiteten Kreißsaals, der sich bei gesunden Frauen mit problemlosen Schwangerschaften wachsender Beliebtheit erfreut.

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Ebenfalls großer Beliebtheit erfreue sich unter den Studierenden in Fulda die Frauenklinik Bad Nauheim, erfuhr die aus Norddeutschland stammende Rebekka Flämig (23), als sie sich 2018 ebenfalls in Fulda um einen Studienplatz bewarb. Ihre erste Wahl Bad Nauheim hat sie nie bereut, im Gegenteil: „Die Förderung der natürlichen Geburt, die freie Wahl der Geburtsposition, das frauenzentrierte Arbeiten, die Stärkung der Fähigkeiten der Frau – all diese hier gelebten Schwerpunkte schätze ich ebenso wie das herzliche Willkommen, das ich hier erfahre, und den Teamgeist.“

Die größte Kunst der Hebamme besteht darin, sicher zu erkennen, wie sich die Geburt entwickelt, ob alles glatt läuft, ob sich Komplikationen ankündigen, ob weitere Hilfe notwendig wird, sagt Margit Gründer und ergänzt: „Das evidenzbasierte Arbeiten der Hebammenstudentinnen liefert uns endlich ein wissenschaftliches Fundament.“ Zudem habe das ständige Verlangen der Studentinnen nach einem Feedback die Fehlerkultur der gesamten Abteilung verändert. „Das selbstverständliche Reflektieren, das Erarbeiten lösungsorientierter Ansätze, all das hat das gesamte Team weitergebracht.“

Wie Junghahn absolviert auch Flämig das zurzeit acht-, künftig in Fulda siebensemestrige Studium Hebammenkunde noch nach der alten Prüfungsordnung, die erst im Herbst 2020 durch eine neue Version ersetzt wurde. Im Gegensatz zu ihnen werden künftige Studentinnen ihren Ausbildungsvertrag mit einer Klinik schließen und sich dann um den Studienplatz bewerben. Der Vorteil: Sie werden eine Ausbildungsvergütung erhalten, was Junghahn und Flämig nicht vergönnt war. Allerdings durften diese nach dem Hebammenexamen bereits in ihrem Beruf arbeiten und Geld verdienen, auch wenn sie den Bachelor erst ein paar Monate später in der Tasche hatten. Diese Regelung gilt künftig nicht mehr. Im Gesundheitszentrum Wetterau (über die Theodora-Konitzky-Akademie) gibt es übrigens Ausbildungsverträge mit (jährlich drei) Hebammenstudentinnen bereits seit zwei Jahren als Teil eines Pilotprojekts, das die bereits etablierte Kooperation mit der Fachhochschule Fulda ergänzt.

Den von den Hebammenstudentinnen geförderten Übertrag der Theorie in die Praxis hat Carolin Junghahn übrigens auf ihre ganz eigene Weise interpretiert. Bereits zwei Jahre nach ihrem Bachelor absolvierte sie 2019 in Fulda berufsbegleitend eine sechsmonatige Weiterbildung als Praxisanleiterin und hat inzwischen die Projektkoordination für die dual studierenden Hebammen am Hochwaldkrankenhaus übernommen.