Diskussionsrunde: Wunsch nach "modernerem Gesicht" für...

Das Ehrenmal für die Gefallenen und Vermissten Soldaten beider Weltkriege am Friedhof in Groß-Felda.  Foto: Schott

Impulsabend der Evangelischen Dekanate Alsfeld und Vogelsberg beschäftigt sich in Ober-Breidenbach mit dem Gedenktag.

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OBER-BREIDENBACH. Jedes Jahr denken wir gerade an den stillen Tagen im November auf den Friedhöfen und an Mahnmalen der Opfer von Kriegen, Gewalt und Terror. In diesem Jahr jährt sich das Ende des Ersten Weltkrieges zum 100. Mal. Vielerorts wird der "Volkstrauertag" - der dieses Jahr am 18. November stattfindet - an den Denkmalen von Vertretern kommunaler Gremien begangen. In manchen Gemeinden beteiligen sich auch die Kirchengemeinde oder Reservistenkameradschaften an diesen "Gedenkfeiern", vielerorts findet aber auch gar nichts statt. Die Thematik stand während des Impulsabends zum Thema "Volkstrauertag", zu dem die heimischen Evangelischen Dekanate vor Kurzem im Rahmen der Themenreihe "Krieg und Frieden" nach Ober-Breidenbach eingeladen hatten, im Mittelpunkt. Der Abend sollte zum Mit-, Nach- und Überdenken der verschiedenen Facetten dieses "stillen Feiertages" anregen.

Holger Schäddel und Franziska Wallenta von den beiden Dekanaten hatten zu einer bunt gefächerte Diskussionsrunde eingeladen. Dabei die beiden Bürgermeister Birgit Richtberg aus Romrod und Timo Georg aus Schwalmtal, Pfarrerin Dorothée Tullius-Thomásek vom örtlichen Pfarramt und Pfarrer Nils Schellhaas aus Nieder-Ohmen, die Personalreferentin Hedwig Kluth vom Katholischen Dekanat Alsfeld. Hinzu kamen noch drei Schüler der Klasse 10G der Ohmtalschule aus Homberg und ein Teil der Männergruppe, die vor Kurzem im Rahmen der Reihe "Krieg und Frieden" nach Trier und Verdun gereist war.

Der Impulsabend zum Volkstrauertag in Ober-Breidenbach habe sich aus der Arbeit dieser Gruppe ergeben, betonte Holger Schäddel. Einladungen ergingen auch noch an die Kirchengemeinden des Dekanats Alsfeld. Sie wurden von vielen Mitgliedern der Kirchenvorstände wahrgenommen.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde aller Teilnehmer wurde dann auch sofort ins Thema eingestiegen. Viele Fragen standen im Raum und suchten nach Antworten: Woran erinnern?, Wozu mahnen?, Wen ehren wir dabei? Braucht es das Erinnern, das Mahnen, das Ehren und wenn ja, wie viel davon und für wen? Was kann der Volkstrauertag heute noch sein? Wer und wie kann man den Gedanken des Volkstrauertages in die Gegenwart tragen? Wer sind eigentlich heute die Adressaten des Gedenkens und wer gedenkt überhaupt? Im Mittelpunkt aller Beiträge standen zunächst eigene, durchaus auch kritische Erfahrungen und Sichtweisen zum Volkstrauertag.

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Bürgermeisterin Richtberg erinnert sich daran, dass ihre Mutter am Volkstrauertag immer sehr traurig war. Seit zehn Jahren begehe man den Tag wieder in Romrod, dabei auch die jeweiligen Konfirmanden. Auch überlege man dem "Denkmal" in Ober-Breidenbach einen neuen Standort auf dem Friedhof zu geben. Wichtig sei für sie auch, dass diese gemeinschaftlichen Zusammenkünfte Verbundenheit schaffen. Man sei besonders danach auf dem Heimweg weniger einsam.

In vier Gruppen gingen die Teilnehmer dann besonders der Frage nach: Was verbinde ich mit dem Volkstrauertag? Die Ergebnisse machten deutlich, dass es sehr unterschiedliche Sichtweisen gibt. Einige stellten fest, dass sie selbst auch nicht immer an dieser Gedenkfeier teilnehmen. Der Respekt vor den vielen Toten wurde genannt und überstimmend beklagte man sich über den Rückgang und die Zusammensetzung der Besucher. Oft seien es nur eine Handvoll, die "Offiziellen" und die Bläser der örtlichen Posaunenchöre. Auch zogen die Betrachter aus den Beiträgen die Schlussfolgerung, dass der Begriff "Volkstrauertag" zu sehr auf die Opfer der beiden Weltkriege gerichtet sei und somit die Generation, welche von den großen Kriegen verschont geblieben sei, sich nicht mehr unmittelbar angesprochen fühle. Daher sei unbedingt ein Blick in Zukunft mit durchaus auch ergänzenden anderen Inhalten erforderlich. Das Einbinden von Jugendlichen und jungen Erwachsenen könnte dabei zum Beispiel auch ein neuer Weg sein. Nahe ging den Anwesenden das Vorlesen eines Feldpostbriefes aus dem Jahr 1916 von einem Soldaten an seine Eltern, vorgetragen von drei Schülern der Ohmtalschule Homberg auf Französisch, Deutsch und Englisch. Dieser hatte darin die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder nach Hause zu kommen.

Hedwig Kluth erzählte, dass sie als Kind von den Geschichten des Vaters gehört habe, die sie für die Friedensarbeit bis heute geprägt haben. Es gebe die Verpflichtung, sich für den Frieden einzusetzen und immer wieder zu erinnern und dem Vergessen entgegenzuwirken. Die Ökumene sei hier wichtig. Nur eine gelebte Versöhnungskultur aller Christen bringe uns weiter. Auch sie plädierte dafür, in alle Richtungen zu denken und neue Wege zu gehen.

Holger Schäddel moderierte danach das "Interview zu dritt" mit Bürgermeister Timo Georg und Pfarrer Nils Schellhaas. So hatte zum Beispiel Georg als Kind und Jugendlicher zunächst wenig Beziehung zu diesem Gedenktag. Heute sehe das natürlich für ihn schon anders aus. Das ausgeübte Amt, die Familie mit den Kindern stelle "Krieg und Frieden" in ein anderes Licht. Pfarrer Schellhaas ist an diesem Gedenktag in vier Gemeinden, immer mit dem Posaunenchor, unterwegs und sieht auch den Teilnehmerschwund. Wie viele in der Diskussion wünsche er sich einen Gedenktag mit neuer Prägung.

Nach einer Pause sahen sich die Teilnehmer einen Kurzfilm zum Volkstrauertag an. Fotos von der Studienreise nach Trier und Verdun wurden gezeigt und erläutert und für Fragen aus dem Publikum freigegeben. In einer Schlussandacht zeigte sich Pfarrerin Tullius-Thomásek überwältigt von dem Engagement der Anwesenden zu dem Thema. Dankbar sei sie für die vielen neuen Ideen, die es nun zu nutzen gelte, um dem "Volkstrauertag" ein moderneres Gesicht für alle Altersgruppen zu geben und ihn für diese auch zugänglicher zu machen. Sie forderte dazu auf, mit diesen Anregungen in die Heimatgemeinden zu gehen und etwas anzustoßen.

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Die Themenreihe "Krieg und Frieden" gehe weiter, sagte sie abschließend und lud zum Buß- und Bettags-Gottesdienst am 21. November um 18 Uhr im Dorfgemeinschaftshaus in Ober-Sorg ein.