Glückliche Kindheit auf dem Lande

Claudia Grimm  Foto:

(eig). Wer in den 1960er Jahren in einem oberhessischen Dorf aufgewachsen ist, der wird viele Geschichten so oder so ähnlich erlebt haben, die in „Wundertütenkind“...

Anzeige

EICHENROD. (eig). Wer in den 1960er Jahren in einem oberhessischen Dorf aufgewachsen ist, der wird viele Geschichten so oder so ähnlich erlebt haben, die in „Wundertütenkind“ erzählt werden. Die Autorin, die Literatur- und Medienwissenschaftlerin Claudia Grimm, lebt in der Schweiz am Lago Maggiore. Geboren wurde sie 1957 in einem Dorf im Osten des Landkreises Gießen, irgendwo am Rand des Vogelsberges, wo sie auch ihre Kindheit in einer richtigen Großfamilie auf dem Bauernhof verbracht hat. Die vielen großen und kleinen Geschichten aus dieser Zeit hat Claudia Grimm dann als Erwachsene zu Papier gebracht und zur Vorlage für ihren autobiographischen Roman „Wundertütenkind. Eine glückliche Kindheit auf dem Lande“ gemacht. Darin geht es um die kleine Monika, die auf einem Bauernhof in Oberhessen groß wird. Das ebenso kleine wie pfiffige Mädchen erlebt so manches Abenteuer und lernt dabei einiges über das Leben. Besonders ihr Großvater Konrad liegt Monika am Herzen, denn er zeigt ihr, was es heißt, nie aufzugeben.

Regelmäßig geht Claudia Grimm auf Reisen, um aus ihrem Buch zu lesen – und ganz besonders gern tut sie das in ihrer oberhessischen Heimat. Wer die liebevoll erzählten Geschichten aus dem Mund der Autorin selbst hören wollte, hatte am Sonntagabend Gelegenheit dazu. Da machte sie in der neueröffneten „Kulturschmiede“ von Ellen Schaaf in Eichenrod Station – und groß war das Publikum, das dabei auch in die eigene Kindheit und Jugend eintauchen wollte.

Ganz offen und mit viel Witz und tiefgründigem Humor erzählte Claudia Grimm die Erlebnisse des kleinen Mädchens Monika, für das sich die Welt gleichsam öffnet wie die titelgebende Wundertüte. Alle Begebenheiten hat Grimm im Übrigen selbst erlebt – und auch die Personen, die im Buch vorkommen, haben wirklich gelebt (wenn auch unter ganz anderem Namen). Zu den Geschichten, die die Autorin aus ihrem Buch schilderte, gehörte unter anderem die vom dicken Wilhelm mit seinem wabbeligen Doppelkinn, dem Besitzer des Dorfladens, bei dem Monika nach dem Kauf von Murmeln und Bonbons Schulden im Aufschreibbuch stehen hat, weil sie nur 20 Pfennig dabei hatte. Zum Glück gibt es kurz darauf im Dorf eine Hochzeit, bei der Monika es schafft, beim Hemmen des Brautpaars erstmals in ihrem Leben ein 50-Pfennig-Stück zu erbeuten.

„Wenn man ein Buch über die Kindheit schreibt, müssen natürlich auch Schule und Lehrer drin vorkommen“, so Claudia Grimm. Mit dem „Hörr Löhrör“ hat Monika so ihre Schwierigkeiten, denn der hat sie zu einem „Problemfall“ erklärt und lässt sie mit Vorliebe mit dem Gesicht zur Wand gerichtet in der Ecke stehen – damals eine übliche Strafe für „ungezogene“ Kinder. Übrigens hat die Autorin dem noch lebenden realen Vorbild für diese Figur auch ein Exemplar ihres Buches gesandt – allerdings nie eine Antwort erhalten.

Anzeige

Im weiteren Verlauf der Lesung zeigte die Autorin, dass sie auch ihren heimatlichen Dialekt noch nicht verlernt hat. Dazu hatte sie noch eine kleine Anekdote. Bei einer Lesung ihres Buches in der Schweiz hat sich nämlich einmal ein Mann zu Wort gemeldet mit den Worten, er komme aus Marburg und verstehe alles. Eine besondere Zugabe gab es auch noch für die Teilnehmer der Lesung in Eichenrod. Claudia Grimm hatte nämlich noch eine Geschichte parat, die nicht in dem Buch steht, weil sie sie erst später aufgeschrieben hat. Diese Geschichte spielt im Winter, wo die Wege im Hof vom Schnee frei geschippt werden müssen, ganz besonders der zum „stillen Örtchen“. Auch die vom Opa gezimmerten Stelzen, das Üben für das Krippenspiel, die Dorfschelle vom Ortsdiener Karl und die Schlittenbahn spielen darin eine große Rolle.

Passend zum Titel gab es in der Pause für jeden auch eine echte Wundertüte, wie man sie noch von früher her kennt – eigenhändig hergestellt und gefüllt vom Ehemann der Autorin. „Wenn man seine Kindheit bei sich hat, wird man nie älter“, schloss Claudia Grimm – ganz nach Goethe – mit ihrem Lebensmotto, ihre Lesung, die bei vielen Zuhörern die Erinnerung an die eigene Kindheit wieder lebendig gemacht hat.