Noch zwölf Mal schlafen...

Tolle Musik auf der Bühne und...  Foto:

Breitenbach am Herzberg. Noch x-mal schlafen, dann ist wieder Herzberg: Nach diesem Schema wird im Vogelsberg und in vielen anderen Orten in Deutschland gezählt, wenn Menschen...

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VOGELSBERGKREIS. Breitenbach am Herzberg. Noch x-mal schlafen, dann ist wieder Herzberg: Nach diesem Schema wird im Vogelsberg und in vielen anderen Orten in Deutschland gezählt, wenn Menschen an das schönste und ungewöhnlichste Festival weit und breit denken: Jetzt sind es nur noch zwölf Mal – dann geht das Burg Herzberg-Festival wieder los: Am Donnerstag, 27. Juli, beginnt für die mehr als 10 000 Zuschauer beim ausverkauften Festival ein volles Programm mit weit über 80 Bands auf der Hauptbühne, der Freak- und der Mentalstage, im Lesezelt und im „Höllenschuppen“. Was bei diesem Riesenangebot an guter Musik nicht verpasst werden sollte, ist hier zu lesen.

Tolle Musik auf der Bühne und...
... ein kunterbuntes, relaxtes Publikum sind zwei der Dinge, für die das Burg Herzberg-Festival bekannt ist.
Ian Anderson wird am Samstag wieder die Flötentöne zelebrieren.
Patti Smith bringt am Sonntag die Bühne zum Beben.
Es kann nicht schaden, während des Festivals für jede Wetterlage gerüstet zu sein.Fotos: Kuck
Blick ins Publikum.
Auch für die Kinder ist immer etwas los.Foto Kuck
Auf dieser Bühne geben sich die Stars des Burg Herzberg Festivals die Klinke in die Hand.
Das Logo 2017 ist schon lange bekannt.

Wie immer sind die entspannte Atmosphäre auf der grünen Wiese bei Hof Hunstadt und das bunte Treiben in der Freak City der eigentliche Star des Festivals. Viele Besucher werden daher schon am Dienstag ab 10 Uhr die Gelegenheit nutzen, um sich für eine Woche Camping-Urlaub einzurichten. Am Donnerstag geht das offizielle Programm los.

Donnerstag

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Klaus der Geiger (13.30 Uhr) hat schon auf vielen Straßen zwischen Köln und Kalifornien gespielt. Als junger Mann studierte er Musik in der Domstadt – und an der Westküste die Kultur der Hippies. Ob auf der Bühne oder am Wegesrand - seit vielen Jahren spielt der „Asphalt-Paganini“ auch auf dem Herzberg seine wilde Mischung aus Klassik, Klezmer, Rock und Folk – und nimmt kein Blatt vor den Mund.

Schon am frühen Nachmittag heulen die Wölfe auf dem Herzberg. Wolf People (15.45 Uhr) aus England verbinden Psychedelic Rock und Folk mit dem richtigen Groove: Fauchende Gitarren, grollender Bass und melodischer Gesang verschmelzen bei ihnen zu einer massiven Klangwand. Wer Crosby, Stills & Nash oder Deep Purple etwas abgewinnen kann, hat gleich vier gute Gründe zum Reinhören.

Der Blues kennt keine Grenzen – und macht auch vor dem Polarkreis nicht halt. Das beweisen Pristine (18.00 Uhr) aus Norwegen. Die fünf Nordlichter bringen ihr neues Album „Ninja“ mit auf den Herzberg und zelebrieren Bluesrock mit harten Riffs, Hammond-Orgel und der gewaltigen Stimme von Frontfrau Heidi Solheim.

Mit dem Wort „abenteuerlich“ ist die Geschichte von Gong (20.15 Uhr) nur vorsichtig umschrieben. Als Grafik sieht die Bandhistorie aus wie ein Stammbaum, der bis anno Tobak zurückreicht – und sich in ein Dutzend Umbesetzungen, Abspaltungen und Nebenprojekte verzweigt. Ganz am Anfang stand der australische Freak und Soft Machine-Gründer Daevid Allen, der 1968 mit abgelaufenem Visum in Frankreich hängenblieb – und dann eben halt noch eine Band gründete. Seit dem ersten Gong-Schlag trug das kreative Chaos rund um die Gruppe viele Früchte: Canterbury-Sound, Progressive Rock und Jazzrock – in all diesen Genres waren Allen und Mitstreiter wie Steve Hillage, Pierre Moerlen oder Allan Holswohrt echte Vorreiter. Welche Töne Gong diesmal auf dem Herzberg anschlägt – das wird die erste große Überraschung des Festivals.

Der späte Abend steht wieder ganz im Zeichen des Blues. Gitarrist Kenny Wayne Shepard (22.45 Uhr) kommt aus Lousiana auf den Herzberg. Im Gepäck hat er feinsten amerikanischen Bluesrock und eine Band, die mit allen Wassern von Muddy Waters bis Stevie Ray Vaughn gewaschen ist.

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Delgres (00.45 Uhr) reist noch ein Stück weiter zurück zu den Wurzeln des Blues. Mit den verschleppten Sklaven aus Afrika kam er nach Amerika. Doch vorher schwappte der Blues wohl irgendwo in der Karibik an Land, vielleicht auf der französischen Insel Guadeloupe. Von dort kommt das Trio mit seinem faszinierenden Sound aus Schlagzeug, Gitarre, Sousaphon und der packenden Stimme von Pascal Danae.

Freitag

Mit seiner wunderbar rauhen Stimme eröffnet Jesper Munk den Freitag (13.30 Uhr). Der Münchner mit dänischen Wurzeln ist gerade mal 25 Jahre alt – und hat als Blues-Sänger und Songschreiber schon großen Eindruck hinterlassen. Unter anderem bei einer Legende wie Eric Burdon, den er als Vorband begleiten durfte.

Endgültig bei den Wurzeln des Blues in Afrika kommt der Herzberg danach an. In den Bergen der Sahara, zwischen Mali und Algerien, liegt die Heimat des Volkes der Touareg – und der faszinierenden Band Tinariwen (15.45 Uhr). Mit ihrer einmaligen Verbindung zwischen Touareg-Volksliedern und elektrischen Gitarrensounds beeindrucken sie bei Konzerten in aller Welt.

Mike Keneally (18 Uhr) gilt als Genie des Progressive Rock. In den 1980ern begleitete er Frank Zappa auf seiner letzten Tournee, seitdem ist der Gitarrist und Keyboarder für seine ungeheure Kreativität, unglaubliche 24 Alben in 25 Jahren und seine Improvisationsfreude bei Konzerten berühmt.

Joanne Shaw Taylor (20.15 Uhr) ist dagegen fast schon berechenbar – aber nur im besten Sinne: Sie ist eine erstklassige Gitarristin aus England und singt ihre eigenen Songs mit einer eindringlichen, tief-rauchigen Stimme. Von Größen wie Joe Bonamassa und dem Publikum zwischen Los Angeles und London wird sie als kommende Königin des Bluesrock gefeiert. Auf dem Herzberg gibt sie ihre erste Audienz.

Das gilt auch für Bukahara (22.30 Uhr), die nach ihrem großartigen Auftritt 2016 die besondere Ehre haben, gleich wieder auf Herzberg spielen zu dürfen. Die Straßenmusiker aus Köln bringen von ihren Reisen eine heiße Mischung aus Folk-, Reggae-, Country- und Balkan-Sounds mit.

The Vintage Caravan (00.45 Uhr) blasen danach allen Rockern nochmal richtig die Gehörgänge frei, mit einer vollen Dröhnung Heavy Rock aus Island. Die drei Jungs aus Rejkjavik haben den Sound von Black Sabbath, Grand Funk Railroad oder Cream mit der Muttermilch aufgesogen und schon als 12-Jährige eine Rockband gegründet. Jetzt sind sie groß – und legen richtig los.

Samstag

Zwei Umdrehungen leiser, dafür aber umso schöner geht es am Samstag weiter mit Louis On The Run (13.30 Uhr) aus Kassel. Das Trio macht moderne Folk-Musik in allerbester Tradition: Eigene Songs, zweistimmiger Gesang und wunderbar warme, klare Akustik-Gitarren. Was will man mehr? Vielleicht ein Lied von Felix Meyer (15.45 Uhr)? Der deutsche Chansonier kommt mit seiner Band project île auf den Berg. Danach nimmt der italienische Klang-Magier Vinicio Capossela (18 Uhr) alle Zuhörer mit auf eine fantastische Reise von Italien bis nach Mexiko.

Durch stolze 50 Jahre Bandgeschichte führt die Reise mit Ian Anderson (20.15). Unter dem Motto „Best Of Jethro Tull“ stehen alle Klassiker aus der Goldenen Band-Ära zwischen Ende der Sechziger und Mitte der Siebziger auf dem Programm. „Locomotive Breath“, „Aqualung“ und natürlich Ian Anderson als Flötenstorch auf einem Bein – all das darf man vom Headliner erwarten, der erst ganz kurzfristig als Ersatz für Kansas an Bord geholt wurde. Kansas hatte nach einer Reisewarnung der US-Behörden die geplante Europa-Tournee abgesagt. Was in Europa zur Zeit so gefährlich sein soll, bleibt das Geheimnis der Sicherheitsbehörden.

Vielleicht haben Irie Révoltés (22.45) aus Heidelberg eine Antwort darauf. „Den Sound der Rebellion“ nennt die deutsch-französische Band ihre mitreißende Crossover-Kernschmelze aus Reggae, Dancehall, Elektro, Hip-Hop und Punk. Bei ihrem energiegeladenen Drive und den sozialkritischen Texten erinnern sich nicht nur Nostalgiker an Rage Against The Machine oder Such A Surge.

In die Nacht geht es mit den elektronischen Beats und den spacig-arabischen Klängen von Acid Arab (00.45). Für alle, die durchtanzen wollen bis zum Morgengrauen, gibt es vom brandheißen DJ-Team aus Paris und den Live-Musikern aus Nordafrika richtig was auf die Ohren.

Sonntag

Der letzte Festivaltag beginnt mit einer Powerfrau aus Sambia: Die Blues- und Jazz-Sängerin Yvonne Mwale (12 Uhr) wird das Publikum mit ihrer starken Stimme und eigenen Songs zwischen afrikanischen Traditionen und amerikanischen Einflüssen berühren. Die spektakuläre Verbindung von türkischer Volksmusik und Psychedelic Rock, Dub und Elektronik, treibenden Trommeln, dicken Bässen und einer elektrischen Saz-Laute demonstrieren danach Baba Zula (14.15 Uhr) aus Istanbul, die einen wilden Nachmittag zum Abtanzen eröffnen. Spätestens bei MEUTE (16.30 Uhr) wird es vermutlich jedem in den Beinen jucken. Die Techno-Marching-Band mit einem Dutzend Bläsern und Schlagzeugern heizt dem Herzberg sicher genauso gnadenlos ein wie LaBrassBanda im Jahr 2010. Der Folk-Musiker Riley Walker (18.45 Uhr) lässt den Berg danach noch einmal zur Ruhe kommen. Seine Songs und seine Klangwelten wirken absolut fesselnd auf alle Zuhörer – und lassen Erinnerungen an den Zauber von Fairport Convention oder Caravan hochkommen.

Was muss man über Patti Smith (21 Uhr) noch sagen? Sie ist eine Ikone des 20. Jahrhunderts, sie ist die Mutter des Punkrock und der Inbegriff einer selbstbewussten Frau. Sie gehört schon zu Lebzeiten zu den Unsterblichen der Musikgeschichte. Sie hat alle Barrikaden gegenüber Frauen im Musikgeschäft über den Haufen gerannt und auf alle Konventionen gespuckt. Sie hat die Männerbastion Rock’n’Roll geschliffen und für sich erobert. Und sie hat 2014 das Publikum auf dem Herzberg tief im Innern berührt – mit allen Facetten ihrer großen Persönlichkeit. Eine kluge, aufmerksame Beobachterin, eine Dichterin, eine Magierin, die das Publikum beschwört, eine wilde Berserkerin, die mit zerzauster Mähne die Saiten aus der Gitarre reist – all diese Seiten zeigte sie damals von sich. Und schon vor dem Wiedersehen ist klar: Wer sich dieses zweite und vielleicht letzte Konzert von Patti Smith auf dem Herzberg entgehen lässt, hat das Festival 2017 verpasst.

Internet

Oder nicht? Wer das volle Programm auf allen vier Bühnen noch einmal ganz genau studieren möchte, kann das auch im Internet unter www.burgherzberg-festival.de und www.hoellenschuppen.de.