Energiegenossenschaft blickt über den Vogelsberg hinaus

Ralph Kehl.  Foto: Schlitt

Neue Projekte in der Planung oder kurz vor der Realisierung: Die Energiegenossenschaft Vogelsberg zieht Bilanz nach zehn Jahren und will die eigentliche Gebietskulisse aufheben.

Anzeige

VOGELSBERGKREIS. Sichtlich erfreut zeigte sich der Aufsichtsratsvorsitzende der Energiegenossenschaft Vogelsberg (EGV) Ralph Kehl, als er die Mitglieder nach eineinhalb Jahren Corona-Pause wieder zu einer Generalversammlung begrüßen konnte. Die hohe Resonanz auf die Einladung und das Interesse am Geschehen in der EGV zeige, dass die Genossenschaft vital und aktiv sei, so Kehl. Neben Joachim Arnold (Vorstandsvorsitzender der Ovag) waren auch zahlreiche Vertreter von Kommunen und befreundeten Energiegenossenschaften sowie Geschäftspartner gekommen. "Es ist ein gutes Netzwerk entstanden", freute sich Kehl. Er blickte auf ein arbeitsreiches Jahr zurück, in dem beide Fotovoltaikanlagen des Solarparks Ulrichstein in Betrieb genommen wurden.

"Das zehnjährige Bestehen der Genossenschaft ist ein Anlass, um stolz zu sein", fand Kehl. Man sei damals mit zwei Zielen zusammengekommen: Sowohl die Förderung von erneuerbaren Energien als auch die Teilhabe der Menschen in der Region an der Wertschöpfung. Inzwischen habe sich die EGV zu einer der größten Energiegenossenschaften im ganzen Land entwickelt und investiere mit ihren knapp über 1000 Mitgliedern im zweistelligen Millionenbereich. Das Engagement in der Genossenschaft erfolge zum allergrößten Teil ehrenamtlich. Romrods Bürgermeisterin Dr. Birgit Richtberg betonte, die Energiegenossenschaft schreite auf dem richtigen Weg in Richtung Energiewende voran.

In Vertretung des erkrankten Vorstandsvorsitzenden Günter Mest stellte Lorenz Kock den Jahresbericht vor. Bei der Fotovoltaik konnte mit einer Einspeisung von 5, 523 Millionen Kilowattstunden ein Ertrag von 1, 012 Millionen Euro erwirtschaftet werden. Bei der Windkraft waren dies 28,783 Millionen kWh und ein Erlös von 2,294 Millionen Euro. "Mit dieser Leistung haben wir gleichzeitig mehr als 20 000 Tonnen CO2 eingespart", führte Kock aus, "das reicht - rein rechnerisch - für etwa 9000 Haushalte und somit für jeden fünften Haushalt im Vogelsbergkreis." Die Mitglieder- und Finanzentwicklung stellte Kock als sehr positiv dar: Mit einem Anstieg von 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr knackte die Genossenschaft die Tausendermarke im Bereich Mitgliederzahl, die Geschäftsanteile stiegen auf über 25 000, das Geschäftsguthaben entsprechend auf rund 2,530 Millionen Euro. Die Höhe der Nachrangdarlehen durch die Mitglieder - das wichtigste Finanzierungsinstrument der EGV - stieg um 66 Prozent auf über neun Millionen Euro. Der Aufsichtsratsvorsitzende schlug vor, aus dem Bilanzgewinn 2020 in Höhe von 182 199 Euro eine Dividende in Höhe von drei Prozent auszuschütten. Die Versammlung folgte diesem Vorschlag und entlastete Vorstand und Aufsichtsrat.

Bei dem Neuwahlen zu einem Teil des Aufsichtsrates wurden Norbert Jäger, Ulrich Künz und Walter Ritz bestätigt, neu hinzu kommen Ulrike Seipp, Björn Müller, Frank Rechmann und Edwin Schneider. Ausgeschieden aus dem Aufsichtsrat sind Dieter Bock, Ralph Kehl, Stephan Rühl und Willi Zinnel. Ihnen galt nach der Wahl ein besonderer Dank des Vorstands: Sie erhielten eine Ehrenurkunde des Genossenschaftsverbandes. Auch im Vorstand wurde eine Änderung bekannt gegeben: Für den im Lauf des Berichtsjahres ausgeschiedenen Bernd Schmidt wurde Udo Pfeffer im September 2020 in den Vorstand berufen.

Anzeige

Mit ihrem Votum für eine Satzungsänderung stimmte die Versammlung für einen größeren finanziellen Handlungsspielraum im Vorstand. Möglich wird so eine breitere digitale Aufstellung der Genossenschaft, speziell mit Blick auf die Mitgliederkommunikation. Zum Abschluss der Generalversammlung stellte Lorenz Kock sowohl aktuelle Projekte als auch Zukunftspläne der EGV vor. Kurz vor der Realisierung seien nach vielen Jahren der Planung die Windparks Trillrodt und Drei-Herren-Stein, so Kock. Mit zwei großen Fotovoltaik-Freiflächenanlagen stehe man in Ehringshausen und Neustadt in den Startlöchern. Im Rahmen eines Zukunftsprozesses habe man fünf Entwicklungspunkte erarbeitet, mit denen die EGV ihre Position weiter ausbauen wolle, führte Kock aus: Man wolle die Gebietskulisse aufheben und über den Vogelsberger Tellerrand blicken. Engagements bei Genossenschaften in Mecklenburg-Vorpommern und Rheinland-Pfalz seien erste Schritte dahin. Man wolle das Investitionsvolumen weiter ausbauen und sowohl für Mitgliederwachstum als auch für Mitarbeiterwachstum sorgen. Darüber hinaus sollten die Geschäftskompetenzen des Vorstands ausgeweitet werden.