Ein buntes Sammelsurium des Hippie-Festivals auf Burg Herzberg

272 Seiten mit mehr als 250 Bildern: Frank Schäfer legt mit "Burg Herzberg Festival - since 1968" einen beeindruckenden Einblick in 50 Jahre Hippie-Festival vor.

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HERZBERG. "Man macht sich seine Träume selbst", sagte John Lennon einst. Treffender als mit diesem Zitat einer großen Musiklegende könnte der erste Bildband über das größte Open Air-Ereignis der Region gar nicht beginnen: Das Burg Herzberg Festival bei Breitenbach ist ein wahr gewordener Sommernachtstraum. Seit 1968 verwandelt es im Hochsommer die Wiesen und Felder bei Hof Huhnstadt in die Hippie-Stadt "Freak City" und schafft ein Land aus "Milch und Honig". Doch wie fasst man einen solchen Traum in Worte? Dieser Herausforderung hat sich der freie Autor Frank Schäfer aus Braunschweig gestellt: Pünktlich zum Festivaljubiläum in diesem Jahr zeichnet er in einer Mischung aus Sachbuch und Bildband die Geschichte des größten deutschen Hippie-Festivals nach: "Burg Herzberg Festival - since 1968" ist im Mai 2018 im Verlag Andreas Reiffer in Meine erschienen und feiert 50 Jahre Festivalkultur. Auf mehr als 270 Seiten geht Schäfer den Ursprüngen des "Berchs" auf den Grund, befragt Zeitzeugen, beleuchtet das Event aus verschiedenen Perspektiven und erzählt Anekdoten nach, die mittlerweile längst zu hippy legends geworden sind. Alte Zeitungsausschnitte sowie frühere Flyer und Tickets runden die Zeitreise ab.

Da ein Trip in die Vergangenheit des Herzbergs untrennbar mit der Geschichte seiner Künstler und Bands verbunden ist, darf auch ein Line Up jedes Festival-Jahres - eine Auflistung aller Musik-Acts - in Schäfers Buch nicht fehlen: Angefangen bei The Petards aus Schrecksbach, die das Festival 1968 ins Leben riefen, über deutsche Stars wie Helge Schneider und Götz Widmann bis hin zu internationalen Größen wie Patti Smith, Ten Years After, Jethro Tulls's Ian Anderson oder Manfred Mann's Earth Band verschaffen die Tabellen einen Überblick über die musikalische Entwicklung des Festivals, aber auch über die Geschichte der alternativen Rockkultur. Und wer könnte besser über so viel "Sex, Drugs and Rock'n' Roll" berichten als der Musik- und Literaturkritiker Schäfer, der für Zeitschriften wie taz, Titanic oder den Rolling Stone schreibt und selbst einst in der Heavy Metal Band Salem's Law spielte?

Schäfer hat während seiner Recherchen nicht nur unzählige lokale und überregionale Zeitungsartikel gewälzt und mit den Veranstaltern gesprochen, sondern auch Interviews mit Musikern wie Jochen Irmler von der Band Faust geführt und deren Zitaten und Erinnerungen viel Raum gegeben. Schäfers Texte klingen authentisch - nach Rock und Revolte - und beschwören jenen Geist der 68er herauf, der heute noch über dem Gelände schwebt wie der Rauch der Haschpfeifchen und Lagerfeuer. Schäfers Texte sind überwiegend im szenischen Präsens geschrieben und verorten das Festival damit nicht nostalgisch im Nebel der Vergangenheit, sondern im Hier und Jetzt - als ob alle Künstler, die dort spielten, ihre Spuren im Schlamm hinterlassen und dem Berg ihren Beat eingehämmert haben.

Drei Kapitel mit vielen Unterkapiteln skizzieren die Geschichte des Festivals: Im ersten Teil "Urgeschichte" beschreibt Schäfer die frühen Jahre, in denen das Event noch mit seinen Urvätern - den Petards - gegen den Muff der Nachkriegszeit ankämpfte. Der zweite Teil "The Kalle Becker Years" handelt von den 1990ern, als Karl-Heinz "Kalle" Becker dem Festival neues Leben einhauchte und es zu einem überregionalen Großereignis avancierte. Das dritte Oberkapitel "Das Festival Mark III" porträtiert eine neue Ära unter Leitung der Burg Herzberg Festival GmbH rund um Gunther Lorz, Wolfgang Wortmann und ihre Crew: ein familienfreundliches "Freak City", in dem Love und Peace im Vordergrund stehen.

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Der Herzberg-Bildband ist ein buntes Sammelsurium aus Fakten und Eckdaten, kleinen Momentaufnahmen und großen Konzerten und nicht zuletzt den vielen Stimmen seiner Protagonisten: Da sind auf der einen Seite die Künstler und Bands, deren Namen wie Freygang, Fehlfarben oder Sofa Planet wie ein Trip durch das Unmögliche klingen; auf der anderen Seite die Festivalbesucher, die den "Berg" bis heute zu einem wunderbaren Festival der Freaks, Familien und Fantasten machen. Die Sonnenseiten des Burg Herzberg Festivals werden ebenso beleuchtet wie die (ebenso wörtlich wie metaphorisch zu verstehenden) Regenjahre. Abgerundet wird der bunte Schmöker von einem Vorwort der Veranstalter und einer "Kurzen Universalgeschichte jeglichen Hippietums" von Ulrich Holbein, die in ihrem lyrischen Ton gar nicht so "kurz" ausfällt.

Schäfer beschreibt all die großen und kleinen Geschichten des Bergs journalistisch-eloquent, humorvoll-ironisch und vor allem authentisch: Formulierungen wie "heißer Scheiß" und "volle Hütte" stehen neben Sätzen wie "Hippies haben bekanntlich eine gewisse Affinität für das Idyllische". Die Titel der Unterkapitel sind plakativ, schräg, augenzwinkernd - wer dabei war, weiß ja sowieso, was Sache ist: "Der große Zampano" und "Elektrolurch", "Die Kondome sind fast weg" und "Ein Horrorfilm in gut", "Freak Again" und "Hippies beim Schlüpfen", "Vergesst Woodstock!" und "Matsch More Love". Dem ist nichts mehr hinzuzufügen - außer mehr als 250 überwiegend farbige, teils großformatige Fotos, die das Festival in all seinen Facetten zeigen. Auch einige seltene Schwarzweiß-Aufnahmen aus den 60er-Jahren sind darunter.

Frank Schäfer ist ein üppiger Bildband gelungen, der Farbenrausch, kollektives Regionalgedächtnis und kleines Panoptikum zugleich ist - eines aber ganz bestimmt: ein Glücksgarant. Wer durch die Seiten blättert, muss unwillkürlich schmunzeln, erinnert sich an seine besten Festival-Momente oder bekommt spontan "Bock auf den Berg". Vielleicht entdeckt der ein oder andere ja bekannte Gesichter oder sich selbst auf einem der Fotos? Und wenn nicht, sieht man sich ja spätestens nächste Woche wieder: am Fuß der Burg, wo 1968 alles begonnen hat.

Frank Schäfer. Burg Herzberg Festival - since 1968. 272 Seiten. 39,90 Euro. Verlag Andreas Reiffer, Meine. 2018. ISBN: 978-3-945715-68-0