Als Bomben auf den Feldflugplatz Kirtorf fielen

Das Foto aus der Nachkriegszeit zeigt das Denkmal für die beiden Kirtorferinnen (siehe auch Schwarz-Weiß-Foto) und die Gräber der Soldaten auf dem Kirtorfer Friedhof, die bei der Bombardierung am 15. März 1945 starben. Letztere wurden später in ihre Heimat überführt.  Foto: Heimatverein Stadt Kirtorf

Bei Wahlen befindet sich ein Gelände, das die Kirtorfer auch nach 75 Jahren noch eindrücklich an den Zweiten Weltkrieg erinnert. Denn rund um den ehemaligen Feldflugplatz...

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. Kirtorf. Bei Wahlen befindet sich ein Gelände, das die Kirtorfer auch nach 75 Jahren noch eindrücklich an den Zweiten Weltkrieg erinnert. Denn rund um den ehemaligen Feldflugplatz sollen noch Blindgänger und Munitionsreste im Boden schlummern.

Rückblick: der Feldflugplatz Kirtorf, auch Einsatzhafen (E-Hafen) 1. Ordnung genannt, in der Gemarkung Wahlen wurde in der Zeit von 1935 bis 1939 in einem Waldgebiet angelegt. Die Zufahrt erfolgte abzweigend über die Straße von Kirtorf nach Wahlen. Er sollte zur Tarnung aus der Luft gesehen, wie ein landwirtschaftliches Anwesen erscheinen. Dazu wurde auf einer Fläche von circa 150 Hektar zunächst der komplette Waldbestand gefällt und die Wurzelstöcke mit Dampfpflügen gerodet. Hierzu waren auch Landwirte der umliegenden Ortschaften im Einsatz. Die zu befestigenden Flächen, dort, wo sich später die Flugzeuge bewegten, wurden ausgekoffert, dräniert und mit einer tragfesten Deckschicht versehen. Die sonstigen Flächen wurden mit unterschiedlichen Gräsern und Klee eingesät, um den Eindruck von Feldparzellen zu erwecken. Die Bewirtschaftung, zu der auch noch Ackerflächen gehörten, wurde von einem "Platzlandwirt" in einem dort errichteten Gehöft ausgeführt. Schafherden pflegten den Rasen.

Zum Flugbetrieb gehörte das Kommandantur-Gebäude, Werfthallen sowie weitere Baracken, die ebenfalls wie ein Gehöft getarnt waren. Ein Gleisanschluss, der zum Bahnhof Allendorf führte, wurde zum Transport von Betriebsmitteln wie Treibstoff und Munition benutzt. Die Start- und Landefläche in nordwestlicher Richtung hatte eine Länge von circa 1150 Metern.

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Zum Beginn des Zweiten Weltkrieges im Jahr 1939 wurde der Flugplatz als Bomberstützpunkt genutzt. Diese Flugzeuge nahmen auch an den Kämpfen zu Beginn des Frankreichfeldzuges teil. Als Ausbildungsflugplatz für die unterschiedlichsten Flugzeugtypen und auch zur Wiederauffrischung abgekämpfter Einheiten wurde er von 1941 bis etwa Mitte 1944 genutzt. Von da an bis zum Kriegsende 1945 waren dort hauptsächlich Jagd- und Schlachtflugzeuge stationiert.

Bereits im Jahr 1941 wurde der E-Hafen Kirtorf von der Britischen RAF (Royal Air Force) und der Amerikanischen USAAF (United States Army Air Forces) kontrolliert.

Im Jahr 1945 begannen dann die Luftangriffe der Briten und der Amerikaner auf den Feldflugplatz Kirtorf.

Beim schwersten und verlustreichsten Bombardement am Donnerstag, 15. März 1945, durch die USAAF kamen neben einigen jungen Soldaten auch die beiden ledigen Kirtorferinnen, Hildegard Anna Marie Faust (21 Jahre) und Hedwig Lina Elisabetha Graulich (23 Jahre) sowie der Gleimenhainer Ludwig Hasenpflug (einen Tag vor seinem 54. Geburtstag) ums Leben. Ludwig Hasenpflug wurde in Gleimenhain beigesetzt. Die beiden Kirtorferinnen sowie die wohl sechs jungen Soldaten wurden auf dem Friedhof in Kirtorf beerdigt. Siehe dazu die Fotos mit dem gemeinsamen Denkmal der beiden Frauen mit der Inschrift: "Niemand hat mehr Liebe, denn das er sein Leben gibt für seine Freunde". Auf dem Foto aus der Nachkriegszeit sind auch die sechs danebenstehenden Kreuze der Soldaten zu sehen. Diese wurden in den Nachkriegsjahren in ihre Heimatgemeinden umgebettet. Die Grabstätte sowie das Denkmal von Hildegard und Hedwig wurden vor einigen Jahren von den Familien Graulich und Herch neu hergerichtet.

Der heute neunzigjährige Zeitzeuge Helmut Scheld aus Kirtorf erinnert sich: "Die drei Vorgenannten arbeiteten im circa 0,5 Hektar großen ,Platzgarten', der auch zur Versorgung der dort stationierten Personen diente. Der Luftangriff erfolgte ohne Vorwarnung und traf die Getöteten wie aus heiterem Himmel. Ich hatte meinen Fahrdienst mit dem Kaltblut-Pferdegespann, ein Nebenerwerb für den heimischen landwirtschaftlichen Betrieb, beendet. Kurz zuvor hatte ich noch eine Fuhre Bomben auf dem Gelände transportiert und abgeladen. Ich befand mich auf dem Heimweg, war gerade dabei, den Platz zu verlassen, als das Bombardement begann. Meine Kaltblüter ergriffen die Flucht und wurden einige hundert Meter entfernt von Soldaten aufgehalten. Ich selbst sprang in ein Wasserloch und kam unversehens davon. Etwas später in Kirtorf angekommen, begegnete mir als erster der Lehrer Heinrich Müller. Diesem blieb es nicht verborgen, dass ich kurz zuvor geradeso mit dem Leben davonkam."

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Helmut Scheld arbeitete, wie er weiter ausführte, bereits seit seinem zwölften Lebensjahr in den Schulferien als Gespannführer für Fahrdienste. So transportierte er zum Beispiel auch Backsteine zur Errichtung von Gebäuden von Neustadt zum Feldflugplatz Kirtorf oder walzte auf dessen Start- und Landebahn den Schnee mit der Ringelwalze.

Am Samstag, 24. März 1945, wurden in einer groß angelegten Aktion sämtliche Flugplätze der deutschen Luftwaffe im Westen durch die US-Air Force angegriffen und zerstört. Das war auch das Ende des Feldflugplatzes Kirtorf.

In der Zeit von 17.19 bis 17.21 Uhr warfen Bomber, die von etwa zehn Jagdflugzeugen begleitet wurden, ihre "Fracht" ab: Gut 2900 Bomben seien es gewesen, hat Ulrich Dörr aus Nieder-Klein recherchiert und bezieht sich dabei auf die Combat Unit der 8. US-Airforce. "Insgesamt waren 92 Bomber im Einsatz", erklärt Dörr, der intensiv mit der Geschichte des Feldflugplatzes in Kirtorf beschäftigt hat.

Dadurch wurde die Infrastruktur des Feldflugplatzes nachhaltig zerstört. Rund 25 bis 30 Prozent der Bombenmenge waren jedoch Blindgänger.

Nach Kriegsende, im Jahr 1948, wurde das Gehöft des Platzlandwirtes ab und in Kirtorf neu aufgebaut. Die sonstige verbliebene Infrastruktur durch US-Truppen gesprengt. Auch sollten durch Sprengungen verschiedenste Munitionen unschädlich gemacht werden, was nur bedingt gelang. Denn nicht alles wurde zur Detonation gebracht. Auf dem Gelände und um das Gelände herum besteht auch heute noch höchste Gefahr durch die zahlreichen Blindgänger, die sich nach Bombardierung und Sprengung dort noch befinden. Durch ihr fortschreitendes Altern besteht Lebensgefahr.

Von Helmut Meß