"Wir feiern Weihnachten doppelt"

Sandra Theissig und Bozena Kowalik sind an Weihnachten für ihre Patienten so etwas wie zwei Engel ohne Flügel.

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ALSFELD. Sandra Theissig und Bozena Kowalik sind gerade an Weihnachten für ihre Patienten so etwas wie zwei Engel ohne Flügel: Gemeinsam mit dem Team des Alten- und Pflegeheims "Haus Stephanus" in Alsfeld sorgen die Altenpflegerin und die Krankenschwester nicht nur für Glanz in den Gemeinschaftsräumen, sondern auch in den Augen der 109 Heimbewohner.

Während die meisten anderen Menschen schon mit ihrer eigenen Familie um den Christbaum sitzen, sind die beiden Pflegekräfte - wie einige andere Berufsgruppen - noch im Dienst. Die Arbeit an den Feiertagen gehört für die Frauen ganz selbstverständlich zu ihrem Berufsbild dazu: Auch und gerade an Weihnachten benötigen die Senioren Pflege, Unterstützung und warme Worte. "Es herrscht immer eine ganz besondere Stimmung im Heim an den Feiertagen", sind sich die Pflegerinnen einig.

Die Romröderin Sandra Theissig versteht ihren Beruf als Berufung. Die 44-Jährige erlernte vor fünf Jahren den Beruf der Altenpflegerin im Haus Stephanus und arbeitet mittlerweile als stellvertretende Wohnbereichsleitung. "Ich verbringe teilweise mehr Zeit im Heim als zu Hause", erklärt sie im Gemeinschaftsraum der Einrichtung. "Da wachsen einem die Bewohner schon sehr ans Herz." Wenn zum Beispiel jemand sterbe, gehe ihr das sehr nah: "Dann fließen die Tränen und das darf auch so sein." Die Bewohner sind teilweise über 90 Jahre alt, haben den Pflegegrad 1 bis 5 oder sind als Krebspatienten in der Palliativpflege untergebracht. Etliche haben keine Angehörigen mehr, die sie an Weihnachten besuchen, und freuen sich über die Anwesenheit ihrer Pflegekräfte, Betreuer und Alltagsbegleiter. Für Sandra Theissig ist es selbstverständlich, ihre "Heimfamilie" im Alter von 60 bis 100 Jahren an den Feiertagen zu begleiten. In diesem Jahr hat sie an Heiligabend Frühdienst. "Gerade an diesen Tagen ist es wichtig, empathisch und liebevoll mit den Menschen umzugehen", erklärt sie nachdenklich. Es würden mehr Emotionen sichtbar als sonst und die Bewohner seien sehr froh, dass sich jemand um sie kümmere. "Diese Dankbarkeit sehen wir vor allem an Weihnachten in ihren Augen. Sie ist das schönste Geschenk."

Ähnliche Erfahrungen hat die gelernte Krankenschwester Bozena Kowalik aus Gilserberg gemacht: "Die Bewohner sind im Advent oft nachdenklich." Die 57-Jährige arbeitet seit 17 Jahren im Haus Stephanus, ist seit zwei Jahren als Pflegedienstleitung tätig und identifiziert sich mit dem Heim. Das Weihnachtsfest hat sie schon mehrfach mit den Senioren verbracht. "Ich fühle mich wohl hier an Weihnachten, weil ich weiß, dass die Menschen nicht alleine sind", erklärt sie. "Wir unterhalten uns, hören Geschichten, feiern und singen." Oft gebe es neue Begegnungen, da immer etwa zehn bis zwölf Angehörige mitfeiern würden. "Man spürt das Getrenntsein von der eigenen Familie gar nicht, wenn man erst einmal hier ist", stellt die Altenpflegerin fest. Dennoch weiß sie aus eigener Erfahrung, dass sich der Pflegeberuf oft schwer mit einem privaten Familienleben vereinbaren lässt. Deshalb achte die Heimleitung darauf, dass etwa Mütter mit jüngeren Kindern nur vormittags arbeiten und dass jeder Mitarbeiter - egal ob Pflege-, Reinigungs- oder Küchenkraft - mindestens einen freien Feiertag an Weihnachten habe. Zudem wechsle die Dienstbesetzung möglichst jedes Jahr. "Viele arbeiten jedoch freiwillig an Heiligabend nachmittags, weil sie das gemeinsame Feiern schön finden", erklärt sie.

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Die Weihnachtsstimmung ist im Haus Stephanus ab Beginn der Adventszeit überall spürbar: Es duftet nach Tannenzweigen und frischen Plätzchen; in jedem der Gemeinschaftsräume flackern Elektrokerzen an einem Adventskranz. Die Weihnachtsbäume in den beiden Wohnbereichen strahlen ab Mitte Dezember um die Wette, wobei das Glanzstück des Heims die Tanne auf dem sogenannten "Marktplatz" - einem überdachten Innenhof - ist, der mit seinen sandsteinfarbenen Wänden selbst im Winter an die Wärme des Südens erinnert. Diesen Baum haben einige Heimbewohner gemeinsam mit der Einrichtungsleitung Marion Brömer festlich geschmückt. "Wir versuchen, die Heimbewohner in alle Adventsaktionen einzubeziehen", erklärt Bozena Kowalik. Für viele Senioren ist das Schmücken des Baumes glückliche Kindheitserinnerung und Ergotherapie gleichermaßen. Alles geschieht mit viel Zeit und Ruhe - der hektische Vorweihnachtstrubel hat in dem Alten- und Pflegewohnheim keinen Platz.

Die meisten Bewohner des Hauses gestalten den Advent in irgendeiner Form aktiv mit: Sie stricken, basteln oder backen etwa und bieten ihre Produkte als kleine Geschenkideen auf einem Tischchen mit dem Schild "Adventsbasar" an. Auch die Mitarbeiter des Heimes erhalten an Weihnachten so manches selbstgemachte Präsent von den Bewohnern. Bereits vier Wochen vor dem Fest wird gebacken, gebastelt und verpackt. An jedem Adventssonntag gibt es ein festliches Programm, in das externe Gruppen wie der Posaunen- oder Kinderchor oder eine Theatergruppe eingebunden werden. Vor allem für die Menschen, die nicht mehr das Haus verlassen können, ist diese Abwechslung wichtig und verkürzt die Zeit bis zum Weihnachtsabend.

Der Heiligabend unterscheidet sich dann in seiner Gestaltung kaum von jedem anderen traditionellen Weihnachtsfest - nur dass die "Familie" um den Christbaum in diesem Fall eine über 100-köpfige "Großfamilie" aus Bewohnern, Angehörigen, Betreuern, Alltagsbegleitern sowie Pflege- und Küchenkräften ist: Alle versammeln sich im Multifunktionsraum, in dem es nachmittags Kaffee und Kuchen und abends traditionell Würstchen mit Kartoffelsalat gibt. Die Einrichtungsleitung begrüßt Bewohner wie Gäste, bevor die Bescherung mit Musik und kleinen Textbeiträgen eingeleitet wird. Dass jeder ein Geschenk erhält, verstehe sich von selbst. Auch an den Weihnachtsfeiertagen trägt alles den Duft des Besonderen: Die Heimküche serviert ein Festmenü an einer weihnachtlich gedeckten Tafel, und die Bewohner freuen sich nach Aussagen der Pflegerinnen stets über das leckere Menü, den guten Wein und die Gesellschaft.

Den Dienst an Weihnachten bereuen Sandra Theissig und Bozena Kowalik jedenfalls nicht: "Erst feiern wir mit unserer großen Heim-Familie und später privat mit unserer eigenen. So erleben wir Weihnachten gleich doppelt", erklären sie.