Biebertal: Schul- und Geschenkelädchen schließt

Das Lächeln vergeht ihr dennoch nicht: Birgit Altena muss ihr Schul- und Geschenkelädchen in Rodheim-Bieber Corona-bedingt nach 23 Jahren schließen. Was bleibt, ist zwar etwas Wehmut, aber vor allem viele schöne Erinnerungen und ihre Dankbarkeit den Kunden und Kolleginnen gegenüber. Fotos: Meina

Nach 23 Jahren muss Birgit Altena ihr Geschäft in Rodheim-Bieber Corona-bedingt schließen. Trotz viel Wehmut, schaut sie positiv in die Zukunft und erinnert sich an gute Zeiten.

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RODHEIM-BIEBER. Rodheim-Bieber. Die positive Haltung lässt sich Birgit Altena nicht nehmen. Traurig ist sie dennoch. Nach 23 Jahren muss die Biebertalerin ihr Schul- und Geschenkelädchen in Rodheim-Bieber schließen. Am heutigen Samstag, 30. Januar, ist ihr letzter Tag. Die letzten Bestellungen können abgeholt werden, die letzte Inventur steht an und dann wird der Laden ausgeräumt – wohl für immer. „Eigentlich wollten wir mindestens ein viertel Jahrhundert vollmachen und solange weiter machen, wie es uns Spaß macht“, sagt die 60-Jährige im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch die Corona-Pandemie machte die Pläne zunichte.

Das Lächeln vergeht ihr dennoch nicht: Birgit Altena muss ihr Schul- und Geschenkelädchen in Rodheim-Bieber Corona-bedingt nach 23 Jahren schließen. Was bleibt, ist zwar etwas Wehmut, aber vor allem viele schöne Erinnerungen und ihre Dankbarkeit den Kunden und Kolleginnen gegenüber. Fotos: Meina

Service im Mittelpunkt

Im Januar 2020, als noch nicht absehbar war, wie das neue Covid-Virus die ganze Welt umkrempeln wird, bestellte Altena gerade die Ware für Ostern. Die steht auch heute noch fast unberührt im Lager, denn zum Abverkauf kam es nach dem ersten Lockdown im März nicht mehr. Als im Sommer die Geschäfte wieder öffnen konnten, hoffte Altena, dass man zum Schulbeginn – das Hauptgeschäft im Jahr – wieder richtig loslegen kann. Doch die Kauflaune war verhalten. „Das war bei Weitem nicht so, wie wir es kannten.“ Man entschloss sich, die verlorene Zeit in den Herbstferien nachzuholen. In normalen Jahren hatte das Geschäft, das Altenas Mann gehört, zu dieser Zeit geschlossen. „Doch bis auf die Wäscheannahme, die wir hier auch betreiben, hatten wir kaum Kunden.“ Als im Oktober absehbar wurde, dass die Zahl der Infizierten immer höher gehen wird, kaum noch jemand durch das Dorf an ihrem Geschäft in der Hauptstraße schlenderte und auch die Gastronomie schließen muss, deren Kunden meistens nach dem Kaffee und Kuchen noch bei Altena vorbei kam, da wurde der Beschluss gefasst: Das Geschäft muss schließen – für immer.

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„Der Einzelhandel tat sich schon vor Corona immer schwerer. Schreibwaren sind mittlerweile ja in allen Drogerien zu erhalten. Mir ist es bis heute unverständlich, wie die großen Ketten aufhaben dürfen und dabei mit Schreibwaren werben und Rabatte erheben dürfen, während wir kaum Möglichkeiten haben.“ Das ist auch das, was ihr am meisten wehtut. Ihr fehle seitens der Politik die Wertschätzung für die kleineren Geschäfte. Eine Überbrückungshilfe erhielt ihr Laden zudem nicht, da ihr Mann das Geschäft als Nebengewerbe angemeldet hat.

Altenas Glück: Die treuen Kunden. Viele bestellten bei ihr telefonisch weiterhin Schreibwaren. „Wir verkaufen weniger das Produkt, sondern mehr den Service“, so die 60-Jährige. Ihr war es immer wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen und zu bleiben. „Wenn die Kinder sich etwa einen neuen Füller kaufen wollten, dann haben wir ihnen nicht irgendeinen in die Hand gedrückt und dann bezahlen lassen. Es gab mindestens sieben, acht Füller, die die Kinder ausprobiert haben und sich dann entscheiden konnten, welcher am besten zu ihnen passt.“

Selbst beigebracht

Das schönste aus 23 Jahren: Ihre Kunden aufwachsen zu sehen. „Ich kenne einige, die das erste Mal zu ihrer Einschulung zu mir kamen. Ich habe sie über die Zeit begleitet, mit ihnen Schulwechsel oder die Konfirmation mitgemacht. Einige sind mittlerweile selber Lehrer und kaufen immer noch bei mir ein. Das ist viel mehr als einfach Arbeit gewesen. So etwas ist einfach ganz großes Glück.“

Glück, das sich die Biebertalerin selbst erarbeitet hat. Eigentlich war die Mutter von zwei Kindern gelernte Apothekenhelferin. Als ihre Kinder groß genug waren, wollte sie mehr arbeiten, doch ihr damaliger Chef hatte kein Interesse daran. „Also entschied ich mich, eine neue Stelle zu suchen. Durch Zufall las ich den Aushang, dass eine Annahmestelle für ‚Quelle‘ gesucht wird.“ 14 Tage später eröffnete Altena dann den Laden in der Gießener Straße. Zwei Jahre später, im Jahr 2000, zogen sie und ihr Mann mit dem Laden dann in die Fellingshäuser Straße 4 um, in die ehemalige Bäckerei Grossmann. Altena war zwar bereits in der Apotheke für den Einkauf tätig, aber vieles musste sie mit ihren 38 Jahren neu erlernen. „Aber wie es so ist, wenn man es nicht probiert, weiß man nicht, wie es funktioniert.“

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Zu Spitzenzeiten hatten sie bis zu drei Angestellte. Immer dabei war Ulrike Katzmarzik – „die Mitarbeiterin des Jahrzehnts“ wie Altena stolz sagt. Zusammen habe man viel gelacht, auch wenn viel Arbeit zu tun war. „Es war immer auch ein Hobby. Der Ertrag war natürlich wichtig, aber es hat auch einfach gut getan.“

Viele ihrer Kunden haben auf die Schließung bestürzt reagiert. „Es wird etwas in Biebertal fehlen“, das hätten Altena viele Menschen am Telefon gesagt. „Es zeigt mir, dass wir wohl einiges richtig gemacht haben in den vergangenen Jahren. Das macht mich auch stolz.“ Jetzt, mit 60 Jahren, wird die Biebertalerin das erste Mal in ihrem Leben arbeitslos sein – auch wenn sie schon einige Angebote hat. „Wir werden das jetzt zu einem guten Abschluss bringen und dann weiter schauen. Ich bin niemand, der sich jetzt in die Ecke setzt und Trübsal bläst. Das Wichtigste ist, dass wir gesund bleiben.“

Von Jennifer Meina