Kunstschaffende kämpfen um Existenz

aus Coronavirus-Pandemie

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Tanzpädagogin Mara Schwarzkopf arbeitet nun als Modell für Bildhauer oder Fotografen. Foto: Ellen Poppy

Für die einen fühlt es sich an „wie im luftleeren Raum“, andere haben blanke Existenzangst. Die Kreuznacher Kunstschaffenden kämpfen um ihre Existenz.

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BAD KREUZNACH. Kunst und Kultur als Balsam für die Seele wird von Covid-19 ausgebremst. Seit vielen Wochen und auch in nächster Zukunft. Kultur kommt in der öffentlichen Debatte meist sowieso zu kurz, was sich jetzt in der Corona-Krise zu einer existenziellen Gefahr für Künstler auswächst. Es trifft Kunstschaffende aller Sparten, besonders hart aber die Darstellenden Künstler. Ihre Darbietungen sind vergänglich, flüchtig.

Tanzpädagogin Mara Schwarzkopf arbeitet nun als Modell für Bildhauer oder Fotografen.
Die Steinbildhauer Livia Kubach und Michael Kropp sind auf Ausstellungen angewiesen.
Im Atelier des Malers und Grafikers Gernot Meyer-Grönhof ist alles bereit für Malkurse.
Annette Thiergarten, Vorsitzende der Künstlergruppe Nahe, vor der Arbeit „Seidenbiene“ für die Ausstellung „Artenvielfalt“, deren Eröffnung verschoben ist.
Holzbildhauer Frank Leske hofft, auf der Kunstmesse „Discovery Art Fair“ in Frankfurt seine Arbeiten zu zeigen.
Ursula Reindell wollte in der französischen Partnerstadt Bourg-en-Bresse ausstellen.
Für Clownin Corinna Ramona Ratzel sind alle Termine weggebrochen.

Ausstellungen werden abgesagt bis weit in die kommenden Monate. Solche Veranstaltungen sind aber der Humus für Bildende Künstler, besonders die Vernissagen mit der Option, bei dieser Gelegenheit Arbeiten zu verkaufen. Lange Zeit hatten Galerien geschlossen, Museen öffnen sich erst langsam. Der Neustart nach der Krise für die Museen der Stadt ist zwar inzwischen geschafft, aber an Führungen, Vernissagen, Veranstaltungen unter dem Motto „Meet the Artist“ ist unter den strengen Corona-Auflagen wohl noch lange nicht zu denken.

Für den Maler, Grafiker und Plastiker Gernot Meyer-Grönhof bedeutete die aktuelle Situation durch das Virus, dass ein wichtiger Part auf seiner Einnahmeseite, seine Malschule „Art-Praxis“, völlig wegbricht. „Das ist ein herber Schnitt“, unterstreicht er. Was aber alle Bildenden Künstler aus der Stadt Bad Kreuznach, die ohne Nebenberuf von ihrer Kunst leben, ebenfalls betonen: Sie genießen es, ohne Termindruck und ohne viel Ablenkung, sich jetzt ganz auf ihre künstlerische Tätigkeit konzentrieren zu können. Doch die Existenzangst begleitet sie dabei. Die Malerin und Bildhauerin Ursula Reindell überarbeitet zurzeit ältere Werke, probiert neue Glasuren für ihre Keramiken aus, empfindet die Situation aber als bedrückend, da die Zukunft mit vielen Fragezeichen behaftet ist. „Der finanzielle Aspekt ist schon heftig“, sagt sie, zumal auch Ankäufe im Moment auf Eis gelegt sind.

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Glück hatte der Bildhauer Frank Leske, der kurz vor dem Corona-Shutdown auf der „Art Karlsruhe“ mit seinen figürlich transparenten Holzobjekten und den verschiedenen Oberflächenskulpturen auf viel Kaufinteresse traf. Sollte allerdings die Kunstmesse „Discovery Art Fair“ Ende Oktober in Frankfurt auch vom Terminkalender gestrichen werden, „wird es eng“.

Durch die jetzt gewollte und auch genutzte Kontaktsperre sei viel zusammengebrochen, räumt das Steinbildhauerteam Livia Kubach und Michael Kropp ein. Viel sei an Kommunikation verloren gegangen, wobei Michael Kropp vor allem die Reaktion des Betrachters auf die Werke meint. „Es fühlt sich an wie im luftleeren Raum, man wird auf sich selbst zurückgeworfen.“ Ansonsten meint er etwas sarkastisch: „Es läuft räudig.“ Aber trotzdem: Das Team arbeitet – Steine werden nicht faulig. Froh ist auch die Steinbildhauerin Anna Kubach-Wilmsen, dass sie Anfang des Jahres eine größere Arbeit verkaufen konnte, von der sie zehren kann.

Die meisten Kunstschaffenden der Künstlergruppe Nahe haben mehrere Standbeine. „Nur Kunst ist eine brotlose Angelegenheit oder man hat viel Glück oder man hat geerbt“, sagt Annette Thiergarten. Hinzu kommt: „Viele Kunstschaffende sind gewohnt, mit wenig auszukommen, sie haben öfter Durststrecken“, so die Vorsitzende der Künstlergruppe Nahe, selbst Grafikerin, deren Aufträge zum Teil gecancelt wurden. Meist hätten Künstler keine Rücklagen, seien auf Stiftungen angewiesen, da sich der Staat auf weiten Strecken zurückzog. Die Corona-Krise betrachtet Thiergarten als „Brennglas“ für die Fehlentwicklung der vergangenen Jahre – nicht nur auf dem Kinder-, Jugend- und Gesundheitssektor, sondern eben auch im Bereich der Kultur.

Seine Tür der Galerie K im Dienheimer Hof kann Klaus Nordmann wieder öffnen. „Ich habe aber keine Erwartungshaltung“, so der Galerist. Er hat Soforthilfe beantragt. Dadurch werden aber nur die Betriebskosten geschultert. „Es bleiben aber die fehlenden Umsätze.“ Die Ausstellung mit Daniela Orben im Mai musste natürlich verschoben werden. „Auf wann? Das ist die große Frage.“

Soforthilfen können auch Kunst- und Kulturschaffende beantragen, doch sind Betriebskosten nicht der ausschlaggebende Ausgabe-Faktor. Anders sieht das in Baden-Württemberg oder Bayern aus, wo mit monatlichen Pauschalbeträgen geholfen wird. Ende April hatte auch Rheinland-Pfalz ein 15,5 Millionen Euro großes Hilfspaket geschnürt, dessen Herzstück Arbeitsstipendien sind, die auf Antrag einmalig mit 2000 Euro honoriert werden (diese Zeitung berichtete). Aber für die meisten der Kunstschaffenden, mit denen diese Zeitung sprach, passen sie nicht in ihre Arbeitsstruktur.

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„Unsere Kursleiter haben alle Honorarverträge und verdienen jetzt nichts“, bedauert Renate Ziegler. Die Leiterin der Kunstwerkstatt auf der Nahebrücke versucht trotzdem, noch Zusatzbeschäftigungen für ihre Mitarbeiter zu finden. Zum Beispiel auch durch Video-Clips. Das ist auch das einzige karge Brot von Mara Schwarzkopf. Die Pädagogin für Erleben, Kunst und Tanz ist mit ihren künstlerischen Aktivitäten breit aufgestellt, „aber alles ist weg“. Sie darf auch keine Räume anmieten, um magische Momente des Tanzens zu vermitteln. Jetzt stellt sie Anträge für das Programm „Lebendige Wälder“, um Tanz mit Kindern im Freien umzusetzen. Unterstützt wird sie dabei auch vom Regionalbündnis SooNahe und von den Forstämtern. Nachdem ihr unmittelbarer Verdienst über pädagogische Aktivitäten wegbrach, steht sie jetzt Modell für Bildhauer oder auch Fotokünstler. „Aber das Portemonnaie wird dadurch nicht gefüllt.“ Sie hat einen erweiterten Antrag zur Sozialhilfe gestellt.

Während Mara Schwarzkopf in der jetzigen Corona-Krise gute Erfahrungen mit Behörden machte, kommt von Corina Ramona Ratzel in dieser Hinsicht eine ganz andere Rückmeldung. „Keiner weiß Bescheid“, wenn sie um Hilfe nachfragt. Seit Ende Februar brachen für die Clownin, Komikerin und Performance-Künstlerin alle Auftritte weg, und auch vertragliche Bedingungen seien nicht eingehalten worden. Einige kamen ihr allerdings auch finanziell entgegen, „die städtischen Einrichtungen aber nicht“, ist sie enttäuscht.

Ratzel genießt auch international Anerkennung. Auch das liegt jetzt brach. Sie ist froh, dass ihr Bürger in der jetzigen Situation helfen, denn für Hartz IV „muss man erst zum Bettler werden“. „Ein Leben lang hat man für sich und sein Glück selber gesorgt – und jetzt das!“ Momentan jobbt sie sich durch, arbeitet unter anderem in einer Gärtnerei. Und die Perspektive? „Die Veranstalter müssen in und nach der Corona-Pandemie sparen, und an den Künstlern spart man als Erstes.“