Darmstadter „Maskenball“ begeistert das Publikum

aus Die Bayreuther Festspiele

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Der Page tänzelt zwischen den Fronten: Cathrin Lange als Oscar in Verdis „Maskenball“. Foto: Stephan Ernst

Die Inszenierung von Valentin Schwarz ist interessant, die Klanginszenierung des neuen Generalmusikdirektors Daniel Cohen stimmig: In Darmstadt hatte Verdis „Maskenball“ Premiere.

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DARMSTADT. Vielleicht hat man ja mal einen Augenblick nicht aufgepasst. Wie war das nochmal mit dem Kind? Amelia ist schwanger vom besten Freund ihres Mannes, der außerdem der König ist. Das steht bei Verdi nicht mal andeutungsweise drin, ist aber eine naheliegende Vermutung. Amelia sucht Hilfe bei der Wahrsagerin und Kräuterfrau Ulrica, es geht um ein Mittel, das Ungeborene loszuwerden. Wenig später wird der Ehebruch offenbar, Amelia rührt mit ihrem runden Bauch den wütenden Gatten Renato so sehr, dass der seine Mordpläne von ihr auf den verräterischen Freund umlenkt.

Am nächsten Morgen hat das böse Kraut gewirkt, Amelias weißes Gewand ist blutgetränkt. Und für den Fall, dass das Kind überlebt haben sollte, stößt der Page Oscar sein Schwert in die bereitstehende Wiege. Vielleicht ist er ja Amelias Konkurrent um die Gunst des Königs; Cathrin Lange sorgt für das Zwielicht dieser Figur, an der die sauber sitzenden Koloraturen das einzig Eindeutige sind. Es muss aber auch ein weiteres Kind geben, das Renato den Verschwörern als Pfand für die Ehrlichkeit seiner unehrlichen Absichten anbietet. Die Wiege wird zur Lostrommel, wenn das begehrte Amt des Königsmörders vergeben wird. Aber Amelia verspeist die Zettel, um nicht als böse Lottofee mitwirken zu müssen. Trotzdem gewinnt Renato.

Ein paar Ungereimtheiten bleiben zurück in der Neudeutung von Verdis „Maskenball“ am Darmstädter Staatstheater. Aber eigentlich erzählt der junge Regisseur Valentin Schwarz eine plausible Geschichte vom Attentat auf den Schwedenkönig Gustav III., das der Handlung zugrunde liegt. Kein staatstragender Monarch steht auf der Bühne, sondern ein ziemlicher Kindskopf, der für jeden Spaß zu haben ist. Der italienische Tenor Leonardo Caimi, für seine kranken Darmstädter Kollegen eingesprungen, formt dieses Porträt mit federnder Präzision in der eher leichtgewichtigen Stimme.

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Solch ein Herrscher muss Außenseiter bleiben im düsteren puritanischen Klima, das schon Andrea Cozzis Ausstattung signalisiert: Auf der Drehbühne kreist ein verwinkelter Bau, dessen durchscheinende Wände keine Heimlichkeit zulassen. Mal sieht das Gerüst aus wie eine Kathedrale, dann ist es der Käfig, in dem die Biedermänner die Zauberin Ulrica halten, der Katrin Gerstenberger dunkel eindringliche Töne schenkt. Der von Sören Eckhoff einstudierte Opern- und Extrachor hat erheblichen Anteil am Porträt dieser Gesellschaft, die ihre Uneinigkeit gerne mal überwindet, wenn es darum geht, einen Lynch-Mob zu bilden.

Daniel Cohens erste Darmstädter Opernpremiere

Seine Überzeugungskraft holt dieser Drei-Stunden-Abend, vom Publikum mit langem Beifall und vielen Bravos aufgenommen, auch aus der starken musikalischen Dramaturgie. Der neue Generalmusikdirektor Daniel Cohen leistet mit dem starken Staatsorchester eine fesselnde, situationsbezogene Klanginszenierung, in der wuchtige dramatische Akzente ebenso gelingen wie die überaus delikate Begleitung der Amelia-Arie im zweiten Akt. Hier ist mit der Intonationssicherheit auch das anrührende Gefühl im Sopran von Keri Alkema gewachsen. Sergio Vitale bringt als Renato einen charakterlich differenzierten Bariton ein, der das dramatische Potenzial für die Rache-Abgründe besitzt. Georg Festl und Johannes Seokhoon Moon sind die angemessen finsteren Verschwörer Ribbing und Horn, Daniel Pichlmaier hat in der Ulrica-Szene einen kurzen und stimmstarken Auftritt als Cristiano.

Dass dieser König einmal ein schwedisches Denkmal werden würde, ist nur schwer vorstellbar. Davon erzählt auch die Rahmenhandlung, mit der Schwarzens Inszenierung Geschichte und Gegenwart geschickt übereinanderlegt. Noch vor der Ouvertüre sieht man eine moderne Touristengruppe, die Gustavs Totenmaske im Museum bestaunt. Dazu erklingen ein paar Takte aus der Trauersinfonie, die Joseph Martin Kraus zum Tod des Monarchen geschrieben hat. Der Maskenball am Ende ist das gespenstische Treiben der Vergangenheit inmitten eines modernen Volksfestes, zu dem Paare sich am König-Gustav-Denkmal treffen. Dass der König plötzlich vom Sockel verschwunden ist, merken die Menschen gar nicht. Geschichte ist weit weg, und Gustav hat mit seiner großen Vergebungsgeste am Ende keine Chance, zum Denkmal zu werden. Das macht dem fröhlichen König aber gar nichts aus.