Bach-Marathon in Darmstadt

Drei Stunden ohne Unterbrechung: Organist Wolfgang Kleber hat in der Darmstädter Pauluskirche das komplette Leipziger Orgelbuch gespielt.

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DARMSTADT. Mit einem besonderen Vorhaben nahm der Organist Wolfgang Kleber am Samstag in der Pauluskirche nach langer Zwangspause das Konzertleben wieder auf. Vor nur wenigen Zuhörern, die in gemessenem Abstand platziert waren, spielte er das gesamte sogenannte Leipziger Orgelbuch von Johann Sebastian Bach in einer ununterbrochenen dreistündigen Wiedergabe. In minutiösen Untersuchungen war Kleber zu dem Schluss gekommen, dass die in Bachs letzten beiden Lebensjahrzehnten angelegte Handschrift einer übergeordneten Idee folgt, die sich auf „eines der visionären Bilder im letzten Buch der Bibel“, der Offenbarung des Johannes, bezieht.

Mit Erkenntnissen zur Zahlensymbolik, zu Symmetrien der Anlage, zu thematischen Verbindungen, zu Taktmengen und Tonartverhältnissen untermauert Kleber seine Überzeugung, dass Bach eine strenge zyklische Ordnung im Sinn gehabt habe, die gipfele im Schlusschoral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“, mit dem der Komponist sich einreiht in die Gruppe der „vierundzwanzig Ältesten“, die vor dem Lamm Gottes ein neues Loblied singen. Und so unternahm der Organist das „Experiment“ einer Gesamtaufführung, die es in dieser Form wohl noch nie gegeben hat.

Die sechs jeweils dreisätzigen Sonaten BWV 525 bis 530 wirkten in Klebers Darstellung wie ein Kompendium der Möglichkeiten des dreistimmigen Satzes, wobei die Beweglichkeit der beiden Oberstimmen den bedächtigeren Pedaltönen begegnete. Die durchsichtige Registrierung betonte den kammermusikalischen Charakter der Sätze, doch bei den Sonaten V und VI erlebte man eine Steigerung zum konzertanten Stil hin. Wie eine Offenbarung erschien danach die unmittelbar angeschlossene Fantasie „Komm heiliger Geist, Herre Gott“, die in strahlendem Plenum-Klang die Reihe der Choralbearbeitungen eröffnete. Beim Hören der dann folgenden Choräle fiel auf, dass es durchaus thematische Querverbindungen zu den sechs Sonaten gibt, wie Kleber sie im Einzelnen nachgewiesen hat.

Dank der farbigen Registrierung und der klaren Artikulation war es eine großartige Erfahrung, die Fülle der Techniken und Varianten bei der Choralbearbeitung mitzuerleben. Als Steigerung höchster kontrapunktischer Kunst und Verdichtung erschienen schließlich die kanonischen Variationen über „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ BWV 769, die sich bis hin zum sechsstimmigen Satz verdichten, wenn alle vier Zeilen des Chorals gleichzeitig erklingen.

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Nachdem Kleber seine Achtung gebietende Leistung mit dem Choral „Vor deinen Thron“ beendet hatte, gab es nach einer Phase der Stille lang anhaltenden Beifall.