„Judith und Hamnet“ von Maggie O‘Farrell

Dichter aus dem Reihenhaus: Shakespeares Geburtsort in Stratford-upon-Avon. Foto: dpa

Nebenrolle für Shakespeare: „Judith und Hamnet“ ist das Familiendrama im Hause eines Weltdichters ohne Namen.

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BUCH. Shakespeares Werk ist eine ganze Welt. Über den Dichter (1564–1616) selbst hingegen ist beklagenswert wenig bekannt, weshalb eine der beliebtesten Verschwörungstheorien der Anglistik davon handelt, dass der Schauspieler und Geschäftsmann aus Stratford-upon-Avon nur der Strohmann für den wahren Autoren abgab – wahlweise am liebsten Francis Bacon, Kollege Dramatiker-Kollege Christopher Marlowe oder der 17. Earl of Oxford.

Dichter aus dem Reihenhaus: Shakespeares Geburtsort in Stratford-upon-Avon. Foto: dpa

Die nordirische Schriftstellerin Maggie O‘Farrell hat sich den Umstand, dass Shakespeares Lebenslauf ein lückenhaft beschriebenes Blatt ist, dichterisch zu eigen gemacht und stellt uns den Weltdramatiker als Nebenfigur in seinem eigenen Familiendrama vor: ein unterjochter Sohn, ein liebender Ehemann, trauernder Vater, der in London irgendwas mit Theater macht und nicht mit Namen genannt wird.

Der Roman „Judith und Hamnet“ trägt Shakespeares Zwillinge im Titel und hat die Mutter zur Hauptfigur. Hier heißt sie Agnes. In den historischen Dokumenten ist schon unklar, ob Wm. Shaxpere nun eine Annam Whatley oder William Shagspere eine Anne Hathwey heiratete. So viel ist klar: Er war 18, sie acht Jahre älter und sollte ihn um sieben Jahre überleben. So wenig an Daten und Dokumenten vorliegt, so reich ist das Bild, das Maggie O’Farrell mit ihrer einfühlsamen Spielart des poetischen Realismus gestaltet.

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Im Kern trägt der Roman die Familientragödie vom Tod des Sohnes Hamnet (1585–1596), von dem man nur diese beiden Daten kennt. In seine Lebenszeit fallen die acht „Lost Years“, aus denen man so gut wie gar nichts über Shakespeare weiß. Maggie O’Farrell holt umso mehr heraus, wobei der Dichter stets im Schatten seiner charismatisch erleuchteten Gattin bleibt.

Agnes, die Tochter eines Grundherren mit großer Mitgift, erscheint hier als weise Frau: eine Hellseherin, die ihrem Gegenüber in die Hand kneift und dabei in die Seele schaut, eine unzähmbare Falknerin und Bienenflüsterin, die im Wald gebiert, ein übersinnliches Verhältnis zu ihren insgesamt drei Kindern hat. Sie kann die Zeichen des Schicksals lesen, aber sie wird sie nicht verstehen, wird um die schwächliche Judith bangen und dann überrascht vom Pesttod ihres kleinen Hamnet.

Maggie O’Farrell spannt ihre Erzählung mit vielen Hin- und Rückblenden auf zwischen 1582, als William seine spätere Frau trifft, und 1601, als „Hamlet“ auf die Bühne kommt. Die Tragödie um die Rache des Dänenprinzen erscheint hier als Therapietheater nach der Familientragödie.

Wie die Autorin dabei das Leben in der Grafschaft Warwickshire am Ende des 16. Jahrhunderts schildert, ist dies erzählerisch ausgesprochen einfühlsam und vielgestaltig. So wie Agnes Menschen anscheinend auf den Grund schauen kann, wirken Wahrnehmungen der Wirklichkeit bisweilen verschwommen wie durch Schleier, die sich bewegen. Hinter der Welt scheint immer noch eine andere übersinnliche Wahrheit zu stecken. Der Sex mit Shaxpere in der Apfelkammer von Agnes etwa ist hier als Hörspiel für ihren Falken unter seiner Lederhaube zu erleben. Der Weg der Beulenpest wiederum erscheint als kompakter Seuchen-Thriller mit Schmetterlingseffekt zwischen Affen und Flöhen, Katzen und Pferden, von einem Schiffsjungen in Alexandria über einen Glasbläser in Murano bis zu Judith nach Stratford. Und weiter zu Hamnet.

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So tief die Seherin Agnes die Dinge durchschaut, so verschlossen bleibt ihr doch die Geisteswelt ihres Gatten. Das ist der feministische Kunstgriff der Autorin: Was soll das ganze Theater, wenn es doch schon im Leben immer um Sein oder Nichtsein geht? Kein Genius in Sicht. Der Weltdichter ohne Namen ist zunächst mal nur der geknechtete Sohn eines betrügerischen und brutalen Vaters.

Handschuhmacher John Shakespeare, der es in Stratford zum Kämmerer, Ratsherren und Bürgermeister brachte, bevor er wieder verarmte, fällt hier eine veritable Schurkenrolle zu. Ein Bauernfänger und Halsabschneider, der seinen Sohn zum Laufburschen degradiert.

Bartholomew, der Bruder von Agnes, ist denn auch sehr dafür, dass sein Schwager sich in London ein neues Leben sucht: „Der Kerl ist kopflastig mit wenig Verstand. Er braucht eine Arbeit, die ihm Halt und ein Ziel gibt.“ So denken sie in Stratford über ihren großen Sohn, ohne zu verstehen, was er Großes vollbringt. Dieses Geheimnis löst sich für die trauernde Mutter erst am Schluss in einem anrührenden Gleichnis auf. Da lernt sie endlich ihren Mann als Dramatiker und Schauspieler kennen, wie er den Geist des alten Dänenkönigs spielt und in dieser Rolle für seinen Sohn stirbt, damit Hamnet auf der Bühne als Hamlet auferstehen kann, zwar immer wieder sterben muss, aber dadurch bis heute unsterblich ist.