Neues Buch von Götz Eisenberg

Götz Eisenberg befasst sich mit den Auswirkungen des Kapitalismus.  Foto: dpa

Autor, Soziologe und ehemalige Gefängnispsychologe widmet sich zum dritten Mal der "Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus"

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GIESSEN. Namensregister gehören gemeinhin nicht zu den spannendsten Bestandteilen eines Buches, wenn aber im Anhang dieses 450-Seiten-Wälzers Johannes B. Kerner einträchtig neben Imre Kertész, Sami Khedira neben Irmgard Keun und Søren Kierkegaard neben Lemmy Kilmister stehen, dann darf man sich auf einen umfassenden intellektuellen Parforceritt eines stupend gebildeten Beobachters des Weltungeists freuen. Entgegen des etwas sperrigen Titels "Zwischen Anarchismus und Populismus" ist der dritte Band "zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus" des Soziologen und ehemaligen Gefängnispsychologen Götz Eisenberg ein kapitales Kompendium scharfsinniger Betrachtungen, die von einer genauen Beobachtungsgabe befeuert werden.

Gerade weil Eisenberg immer wieder die scheinbar belanglosen Absurditäten des Alltags trennscharf seziert, sorgt sein Buch bei Lesern, die bereit sind, einmal hinter die allzuhässliche Wirklichkeiten verhüllenden Schleier des Common Sense zu blicken, für Erkenntnisgewinn. Etwa, wenn er konstatiert, dass der Konzentrationsprozess, der aus Kostengründen mittlerweile auch für die letzten Dorfschulen das Ende bedeutet, im Grunde schon die Schüler für ihr späteres Pendlerdasein formatiert. Wie weiland Karl Kraus oder Uwe Nettelbeck versteht es Eisenberg meisterlich, vom Beiläufigen zum Wesentlichen vorzudringen, auch wenn er dabei bisweilen schon mal übers Ziel hinausschießt.

Natürlich sind Pokémon-GO-Spieler "Kinder des Konsumismus", aber sind sie deswegen auch gleich "Lemminge, die sich auf Kommando von der digitalen Klippe stürzen"? Bei allem rhetorischen Furor, den Eisenberg mit anderen Zeitgeisterjägern teilt, hat er sich im Gegensatz zu diesen eine wertvolle Fähigkeit bewahrt: die Selbstironie. Der Gießener nimmt die Welt zwar bitterernst, aber sich selbst zum Glück nicht ganz so wichtig. In einer seiner kleineren, "Ethnologie des Inlands" betitelten Betrachtungen, die die längeren Essays des Bandes auflockern, schreibt er etwa über seine Begegnung mit einer Amnesty-International-Aktivistin in der Fußgängerzone: "Ich versuchte meist, mich am Rand vorbeizudrücken, um diesem Angesprochenwerden zu entgehen. Aber eines Abends gab es kein Entkommen (...). Die junge Frau war hübsch und so war meine Abwehr geschwächt."

Viele der in den vergangenen drei Jahren entstandenen Texte des Achtundsechzigers beschäftigen sich mit den historischen Niederlagen der Linken und deren gegenwärtigem Ratlosigkeit angesichts der europaweiten Renaissance rechter Bewegungen. Eisenberg legt da den Finger in gern kaschierte Wunden. Etwa das bereits in der Marxschen Lehre zum Naturgesetz erhobene Diktum vom "naturprozesslichen" Sieg des Sozialismus", der einen fatalen Fatalismus beförderte, der 1933 zur kampflosen Kapitulation der "bestorganisierten und geschulten Arbeiterklasse Europas" führte. "Statt zum Totengräber des Kapitalismus wurde sie zum Totengräber ihrer jüdischen Nachbarn", zitiert Eisenberg den Historiker Jan Gerber.

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Hellsichtig analysiert Eisenberg die "Aneignung linker Energien von rechts" und plädiert dafür, einen für jeden Menschen essenziellen Begriff wie "Heimat" nicht kampflos dem politischen Gegner zu überlassen.

Die auf die Entlarvung ökonomischer Widersprüche fixierte Linke sei in den Bann des "Kältestroms" geraten, der von der kapitalistischen Ökonomie ausgehe und habe den "Wärmestrom" vernachlässigt, der die Menschen berühre und antreibe, konstatiert Eisenberg. Weil die Linke stets dem Fetisch Fortschritt gehuldigt habe, fehle ihr heute das Sensorium für die Leiden, die dieser Fortschritt - der sich heute Globalisierung nennt - für die Menschen bedeute, die einmal die Arbeiterklasse gewesen seien. Sahra Wagenknecht weiß das wohl, aber im politischen Berlin steht sie mit diesem Wissen vermutlich ziemlich allein.

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Götz Eisenberg: "Zwischen Anarchismus und Populismus"; Edition Georg-Büchner-Club; Verlag Wolfgang Polkowski, Gießen 2018; ISBN978-3-9818195-3-3, 450 Seiten; 24,90 Euro)