DVD-Tipp: „Die Rüden“

In eine düstere Welt führt „Die Rüden“, der neue Film von Connie Walther. Foto: Tom Trambow

In dem Konzeptfilm-Experiment der Regisseurin Connie Walther geht es um vier Strafgefangene, die in einem Projekt auf drei aggressive Hunde und eine Therapeutin treffen.

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DARMSTADT. Das vergangene Jahr war kein gutes für die Kinobranche. Einer von den deutschen Filmen, die es 2020 zwar ins Kino schafften, aber wegen der Pandemie viel weniger Zuschauer hatten, als sie es verdient hätten, war „Die Rüden“ von Connie Walther. Die DVD des außergewöhnlichen filmischen Experiments ist nun bei „375 Media“ erschienen.

Einerseits ist die Geschichte, um die es im elften Spielfilm der aus Riedstadt stammenden Regisseurin geht, ein Science-Fiction mit dystopischer Basis: Irgendwo in einer kargen Wüstenlandschaft ohne Menschen steht ein brutalistischer Gefängnisbau aus Beton, in dem vier Strafgefangene an einem Therapie-Projekt mit drei aggressiven Hunden teilnehmen. Von einer Empore aus beobachtet die Staatsgewalt in Form einer „Frau Mischlik“ (Sabine Winterfeldt) und eines „Therapisten“ (Robert Mehl) in Kutten-Kleidung das Geschehen. In einer an eine Arena erinnernden Halle kommen die Männer und die Tiere mit der Hundetrainerin Lu Feuerbach (Nadin Matthews) zusammen, die mit ihrer unorthodoxen Methode sowohl die Gewalttäter als auch die gefährlichen Vierbeiner zähmen will.

Der Clou dabei ist andererseits, dass in diesem Film sowohl die vier Männer als auch die Hunde und die Trainerin echt sind: Ibrahim Al-Kalil, Marcel Andrée, Konstantin-Philippe Benedikt und Christopher Köberlein sind Ex-Knackis. Die Maulkorb-Biester kommen aus dem Tierheim und sind unvermittelbar. Nadin Matthews, die die Idee zusammen mit Connie Walther entwickelte, verdient ihr Geld sonst mit Hunde- und Aggressions-Seminaren. Die mit Tattoos, punkiger Mähne, Ledermontur und Springerstiefel wie eine androgyne „Mad Max“-Figur wirkende Frau ist das eigentliche Zentrum des Films. Die eigenen Zweifel der ansonsten souverän angstfrei auftretenden Trainerin werden mit Besuchen eines Engels (Mathis Landwehr) versinnbildlicht, mit dem sie geradezu zu ringen scheint.

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Für das Projekt gab es kein Drehbuch, was bedeutet, dass es zwar ein fiktionaler Film ist, der aber auf dokumentarische Weise gedreht werden musste. Die Spannung entsteht dabei aus diesem sehr freien Ansatz und dem extrem hermetischen Drehort. Es gab zur Vorbereitung lediglich einen dreimonatigen Workshop mit jungen Schauspielern und ehemaligen Gewaltstraftätern, aus dem ein Theaterstück hervorging.

Letztlich geht es in „Die Rüden“ um die Frage, ob die zu überwindende toxische Männlichkeit analog zur Beißwut der Hunde auf zuvor erlebter Gewalt und entsprechender Traumata fußt. Und ob die Spirale aus Gewalt und Schmerz wie bei den Vierbeinern auch durch eine bewusste Kontrolle von Passivität und Aktivität durchbrochen werden kann. Im Laufe des Experiments wird Lu jedenfalls mehr und mehr zu einer Bedrohung für das staatliche System, das noch auf althergebrachten Gut/Böse-, Täter/Opfer- und Mann/Frau-Kategorien vertraut. „Die Rüden“ ist ein Konzeptfilm der besonderen Art, der nicht nur in Deutschland seinesgleichen sucht.