Darmstädter Jury empfiehlt Brief-Edition

Sein Lob konnte giftig klingen, und manchmal schlug er rotzfreche Töne an: Die Briefe von Isaak Lewitan zeigen ein schwieriges Verhältnis zu seinem Freund Anton Tschechow.

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DARMSTADT. Auf dieses Kompliment konnte Anton Tschechow sich etwas einbilden. "Deine Landschaften sind der Gipfel an Vollkommenheit", schrieb ihm Isaak Lewitan - dabei war Lewitan der Maler, und sein Freund hatte ja nur das Mittel der Worte, um Bilder vor den Augen seiner Leser entstehen zu lassen.

Es war eine tiefe, wenn auch nicht immer unproblematische Freundschaft, die beide Künstler verband - nachzulesen in Lewitans Briefen, die jetzt erstmals vollständig in deutscher Sprache erschienen sind.

Die Darmstädter Jury hat das Buch aus der Friedenauer Presse zum Buch des Monats Mai gewählt. Jurymitglied Gerhard Stadelmaier, als Theaterkritiker mit Tschechow besonders vertraut, äußert sich zur Begründung: "Epistelwürfe eines mit allem Leben hadernden und leidenden Landschaftsmalers, der als ein Dauerunglücklicher und Dauerkranker dem Glücks- wie Unglücks- wie Krankheitsverächter oder besser: -Belächler Tschechow von 1885 bis zu Lewitans Tod im Jahr 1900 schnoddrigst auf die Pelle rückt. Und mit vergifteten Lob- und Hudelpfeilen in Richtung des Prominenteren, Berühmteren nicht spart, neidvoll unterwürfig bis rotzfrech übergriffig. Tschechows Antwortbriefe hat er wohlweislich verbrannt. Dessen Reaktionen auf Lewitan, mitleidig bis bewunderungsgrundiert, werden aus anderweitigen verstreuten Dokumenten dargeboten. Dazu gibt es herrliche Lewitan-Bilder russischer prunkvoller Verlassenheitslandschaften nebst einer tollsttraurigen Unglückserzählung, die tschechowironisch mit ,Glück' übertitelt ist, dazu Notizen, Tagebucheinträge samt Motiv-Spurenlegungen hin zur ,Möwe' und zum ,Kirschgarten'. All das macht dieses schmale, aber eminente Buch zu einem Brevier russischen Abseitsseins im späten neunzehnten Jahrhundert in Form eines Duetts für eine Stimme. Verzweiflung mit Goldrand und Herzstillstand. Wobei die medizinische Diagnose auch eine gesellschaftliche ist."