Wetzlarer Triumph in der Liga der Enttäuschten

HSG Wetzlar: Eine Mannschaft mit "starkem Charakter und Teamgeist". So beschreibt es jedenfalls Trainer Kai Wandschneider.  Foto: Ben

"Nicht zu erwarten, nicht einmal davon geträumt, und dann doch erreicht", nennt rückblickend Kai Wandschneider, Trainer der HSG Wetzlar, die beeindruckende Erfolgsserie seines...

Anzeige

GIESSEN. "Nicht zu erwarten, nicht einmal davon geträumt, und dann doch erreicht", nennt rückblickend Kai Wandschneider, Trainer der HSG Wetzlar, die beeindruckende Erfolgsserie seines Teams in der 19. Handball-Bundesligasaison des mittelhessischen Traditionsvereins. Die Lahnstädter beendeten die Spielzeit 2016/17 mit einem imponierenden sechsten Tabellenrang, stellten mit Kai Wandschneider den Trainer der Saison, mit Philipp Weber den Torschützenkönig der Liga und produzierten weitere Superlative, sodass aus der "grauen Maus aus Wetzlar" das Überraschungsteam der stärksten Handball-Liga der Welt wurde.

So wird das Erreichte in die Annalen des Wetzlarer Handballs eingehen. "Das ist schon sensationell, welch großartige Mannschaft unsere Trainer geformt haben, nachdem acht Spieler den Verein verlassen und zehn Neuzugänge anfangs und in der Saison hinzukamen", wird HSG-Geschäftsführer Björn Seipp zitiert, der selbst maßgeblich dazu beitrug, dass die neuen Akteure nicht nur in spielerischer Hinsicht, sondern auch menschlich in das HSG-Kollektiv passten. Nicht immer erweisen sich Nachverpflichtungen wie die des Norwegers Kasper Kvist für den am Kreuzband operierten Linksaußen Maximilian Holst oder die von Stefan Cavor (Montenegro) für den schulterverletzten Rückraumschützen Joao Ferraz so problemlos und passend. "Die Mannschaft ist zusammengewachsen im wahrsten Sinne des Wortes", erklärt Kai Wandschneider die seltsame Entwicklung seiner Truppe, "denn egal, wer kommt, er spielt plötzlich auf einem höheren Niveau".

Der 57-jährige Handball-Lehrer führt diesen positiven Fortschritt im HSG-Kader nicht zuletzt auf den dort herrschenden Teamgeist zurück. "Spieler dürfen sich nicht selbst, aber auch nicht den Kameraden im Wege stehen", lautet das Credo, mit dem Wandschneider seine Mitarbeiter führt. Dabei wird dessen hohe Sozialkompetenz deutlich, wenn er bei der Entwicklung von Spielzügen das Feedback der Spieler berücksichtigt, "denn ich kann Spieler nicht dazu zwingen, etwas zu machen, was ich am Reißbrett meiner Vorbereitung ausgetüftelt habe". So war es das außerordentlich gute Betriebsklima, das maßgeblich dazu beitrug, dass die HSG Wetzlar bereits mit einem achten Platz nach der Hinrunde überraschte. Zwar wurde der schon sensationelle 27:24-Heimsieg über den THW Kiel durch die 20:22-Niederlage gegen den Bergischen HC konterkariert, doch immer wieder zeigte sich - trotz verletzungsbedingter Ausfälle einzelner Leistungsträger - eine imponierende Heimstärke mit insgesamt 13 Erfolgen und nur vier Niederlagen.

Ein Verdienst auch des heimischen Publikums, das die Mannschaft auch in kritischen Situation "trägt", sodass Kapitän Nikolai Weber frank und frei behauptet: "Wir haben die besten Zuschauer der Liga, die uns auf dem Weg zu einer solchen Top-Platzierung sagenhaft unterstützt haben."

Anzeige

Maßgeblich an dem imponierenden Auftritt des Wandschneider-Teams haben aber auch die herausragenden Leistungen von Torjäger Philipp Weber, von Schlussmann "Benko" Buric, der Flügelzange Kasper Kvist und Kristan Björnsen und natürlich die stete Weiterentwicklung - sowohl im Angriff als auch in der Abwehr - von Kreisläufer Jannik Kohlbacher beigetragen.

Ein Blick auf die Abschlusstabelle der Saison 2016/17 zeigt, dass sich dort die sogenannten Spitzenteams im Vorderfeld wiederfinden mit dem verdienten Meister Rhein-Neckar Löwen auf Rang eins. Doch auf den zweiten Blick fällt auf, dass diese Vereine ihre selbst gesteckten Ziele und Erwartungen in der Bundesliga - und daneben im DHB-Pokal oder in der Champions League - nicht immer erreicht haben. In der Abschlusstabelle spiegeln sich viele Enttäuschungen wider. Dies gilt jedoch nicht für die HSG Wetzlar, die mit dem Triumph eines sechsten Platzes durchaus als Hecht im Karpfenteich der Liga gelten darf.