Virtuosen auf dem Vulkan

Von Anke Koob

Vor 250 Gästen im Autohaus Deisenroth liest Werner Reinke. Foto: Koob

ALSFELD - Der Volksmund sagt, wer eine Reise mache, der könne etwas erzählen. Der aber, der eine Lebensreise hinter sich gebracht hat, braucht diese Redewendung nicht zu scheuen. Denn seine Geschichten werden jene sein, denen mit größtmöglicher Wonne gelauscht werden wird. So geschehen jetzt im Autohaus Deisenroth.

Auf Einladung der Alsfelder Kulturtage und der 14. Saison der Reihe "Der Vulkan lässt lesen" gastierte zwischen den Automobilen mit vier Ringen ein Mann, dessen Geschichten kaum vielfältiger sein könnten. Werner Reinke sein Name. 250 Händepaare spendierten Klatschkaskaden für den renommierten Journalisten, der beim Hessischen Rundfunk seit 1971 Wort um Wort, Text um Text verliert, um Anekdoten zu sammeln und wiederzugeben. Dies in Nabelschnurlänge zu Biber Herrmann, der als passionierter Blues-Gitarrist sein Publikum von Verzückung zu Rührung, von Leidenschaft zu Hoffnung trägt. "Keep on picking" - ein Credo, das er mit so viel Leben füllte, dass auf der Bühne nur mehr sein wortreicher Gegenpart existent sein konnte. Eine harmonische Ergänzung zweier Virtuosen, die in ihren Genres ihre Seele fanden. Ringelnatz, Robert Gernhardt, Heinz Erhardt - es wurde schnell deutlich, welche geistigen Brüder und Väter Werner Reinke im Leben fand. Die Frankfurter Schule genoss er als Redakteur in all ihren Facetten, die Meisterwerke eines Ringelnatz verleiteten ihn zu tiefgründigem Lächeln, welches - süffisant allenthalben - die eigenen Anekdoten um Bonmots aus Schriftstellerhand ergänzte. Ob nun "Walter Storchis letzte Worte: Wehr dich, feige Sachertorte", aus der "Western-Triologie" - die Geschichte eines Mannes, der seinen letzten Kampf zur Kaffeezeit austrägt. Oder jene Geschichte von "Paulus, der schrieb an die Komantschen: Erst kommt die Taufe, dann das Plantschen." Ein Sekündchen hier und da, um scharf den Atem einzuziehen, oblag dem Publikum. Denn so manches Bonmot hatte Wurzeln, die heute nicht mehr gerne gehört werden wollen - egal, ob sie sich gegen Frauen oder Nationalitäten richten. Wie gut, dass da immer wieder Biber Herrmann seinen "Mojo working" schickte und der Gitarre den Blues entlockte, wie er feiner nicht hätte sein können. Es wurde deutlich: Werner Reinke liest den Blödsinn und Biber Herrmann macht Musik dazu. Eine wunderbare Kombination, die für so viel gute Unterhaltung sorgte, dass Ort und Zeit vergessen gerieten und der Alltagsabend eine Blase um die Kunstgenießenden schloss. Der große Applaus war den Künstlern in jedem Falle sicher - keiner in Alsfeld hätte diese Virtuosen nicht gerne auf dem Vulkan behalten.