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Seite 12 Die touristischen Seiten für die Region Vogelsberg Ein nicht alltäglicher Brief erreicht die Leitung des Freilichtmuseums Hessenpark. Handgeschrieben, fehlerlos, wohlgesetzt, sachkundig, empathisch. Die Schreiberin erbittet nicht weniger, als die ehemalige evangelische Fachwerkkirche und Schule in Betzenrod zu retten und im Hessenpark wieder aufzubauen. Sie könne es nicht länger mit ansehen, wie dieses einzigartige Baudenkmal zerfällt. Hundertzehn Objekte, darunter auch Sakralbauten, lagern bereits im Hessenpark und warten auf ihren Wiederaufbau. Sieben Kirchen, Kapellen und Synagogen sind schon errichtet. Nein, da sei absehbar für die Kirche in Betzenrod kein Platz mehr. Und rechtliche Hindernisse gäbe es auch. Elsbeth ist enttäuscht. Ihre Jahrgang war der letzte, der in dieser Kirche die Konfirmation empfing. Dann wurde das Haus entweiht, 1957, und diente danach nur noch als Gemeindeamt, bis 1972. Später verkaufte die Stadt Schotten das ausgeräumte Gebäude in private Hand. Es wird seitdem nicht mehr genutzt und ist im Innern in einem ruinösen, unbewohnbaren und erbarmungswürdigen Zustand. Allerhand Getier erfreut es. Auch die im Zuge von baulichen Veränderungen 1801 aufgebrachte Stuckdecke zerfällt. Die Gebäudehülle selbst ist dank der Neueindeckung vor dem Verkauf und einer ausgewechselten Grundschwelle in einem relativ guten Zustand. Das war Elsbeths Hoffnung in ihrem Brief. In den Jahren des Aufbruchs nach dem Krieg war für Nostalgie kein Platz. Auch die Betzenröder wollten mit Macht eine neue Kirche, aus Stein, und die wurde über Nacht und ohne anfängliche Baugenehmigung hochgezogen. Von 391 hessischen Fachwerkkirchen wurden über neunzig bis Mitte 1975 abgerissen. Danach erhielten alle noch bestehenden den gesetzlichen Schutz als Kulturdenkmal. Auch das war Elsbeths Hoffnung in ihrem Brief. Die zweigeschossige Kirche mit dem steilen Satteldach in der Dorfmitte von Betzenrod auf hohem, die Hangschräge ausgleichendem Sockel aus Basaltsteinen ist ein sogenannter Kombinationsbau, wahrscheinlich im Jahr 1663 erbaut. Das separate Obergeschoss mit eigenem Aufgang war einst Schulraum und Lehrerwohnung (bis 1843), aber auch Fruchtspeicher oder Amtsstube des Ortsvorstehers. Elsbeth weiß, dass es somit das älteste noch erhaltene Beispiel dieser Baugattung in Hessen ist. Auch das war ein Grund für ihren Brief, und Elsbeth reklamiert weitere. Sehr bemerkenswert an dem auskragenden Geschossbau sind auch die unterschiedlichen Fachwerk-Konstruktionen an Vorder und Rückseite sowie am Choranbau. Das sehr aufwendige Gefüge der Schauseite zeigt gleich drei „Hessenmänner“, davon zwei mit zusätzlichen Gegenstreben zwischen den Beinen. Auch über die Eckpfosten werden weitere vier (abgewinkelte) Mannfiguren gebildet. Die Verriegelung der Wandfläche erfolgt unten drei- und oben zweifach. Diese Dichte des Gefüges belegt die vorrangige Absicht des einstigen Bauherren, über die statischen Notwendigkeiten hinaus ein repräsentatives Fachwerk zu schaffen. Es fehlt aber jeglicher Holzschmuck, wenn man von der einfachen Profilierung der Stockschwelle einmal absieht. Die weißen Gefache sind mit roten dekorativen Begleitern abgesetzt. Die Gegenseite ist deutlich bescheidener ausgeführt. Hier verzichten beide Stockwerke auf die zweite beziehungsweise dritte Riegelreihe, und statt der Mannfiguren gibt es jeweils nur vier lange krumme, symetrisch gesetzte, in der Mitte bis zum Rähm durchgehende Streben. Das reicht dem Zimmerer zur Sicherung der Gebäudestabilität. Auch die Stirnseite folgt diesem einfachen Skelettmuster, nicht aber der nachträglich angebaute eingezogene fünfseitige Chor von 1801, den halbe Mannfiguren, zwei Andreaskreuze und drei ungewöhnliche gotisierende wabenartige Bleiglasfenster schmücken. Ein aufwendiger und bemerkenswerter Bau, im Kern nur fünfzehn Jahre nach dem für den Vogelsberg verheerenden Dreißigjährigen Krieg errichtet. Elsbeth ist nach ihrem letzten Versuch beim Hessenpark mutlos geworden. Im Dorf wird jetzt aber kolportiert, es bewege sich vielleicht doch noch etwas in Sachen alter Kirche. Selbst der Ortsvorsteher spricht davon. Elsbeth weiß nicht recht, was sie davon halten soll. Von staatlicher Seite erwartet sie nach den vielen Jahren Untätigkeit eigentlich keine Hilfe mehr. Soll sie noch einen Versuch machen und den Landrat anschreiben, zuständig als Untere Denkmalschutzbehörde, um Näheres zu erfahren? Gedacht, getan. Und sie bekommt schnell und ausführlich Antwort, die das im Dorf Gehörte bestätigt. Elsbeth liest mit hoffnungsvollem Erstauen, dass es nach dreißig Jahren Stillstand eine Perspektive für den Erhalt des Denkmals gibt. Ein ortsansässiger Bürger hat ein konkretes Interesse daran, das Objekt in der Kombination Büro und öffentliche Mehrzwecknutzung zu restaurieren. Elsbeth folgert, das wäre eine zeitgemäße Variante des historischen Kombinationsbaus und denkmalgerecht. Und die Betzenröder könnten ihre Kirche endlich wieder gemeinsam nutzen. Gut auch, dass das ihr bekannte und eingebundene Architekturbüro mit der Restaurierung historischer Fachwerkgebäude vertraut ist. Sie kann dem ihr zugegangenen Schreiben weiter entnehmen, dass durch das aktuelle Dorferneuerungs Programm der Stadt Schotten zudem die Chance einer finanziellen Unterstützung besteht. Elsbeth wird fast euphorisch, aber ihre Erfahrungen dämpfen ihren Optimismus. Elsbeth hat sich fest vorgenommen, den Tag der Wiedereinweihung ihrer Kirche noch zu erleben. Und sie erhofft sich auch noch eine Antwort auf die Frage, warum es der Denkmalbehörde über dreißig Jahre nicht gelang, verpflichtendes Recht zum Schutz dieses außergewöhnlichen Denkmals durchzusetzen. In den Ferien in die Welle! Ausspannen für alle Freizeitzentrum Lauterbach 36341 Lauterbach · Am Sportfeld · Infotelefon 0 66 41/6 27 29 Telefon während der Öffnungszeiten 0 66 41/9128-240 www.freizeitzentrum-lauterbach.de *Öffnungszeiten während der Ferien vom 24.12.17-13.01.18 Hallenbad* Mo 14 - 22 Uhr Di-Sa 10 - 22 Uhr So, Feiertag 10 - 21 Uhr Sauna* Mo 14 - 23 Uhr Di-Fr 10 - 23 Uhr Sa, So, Feiertag 10 - 22 Uhr Mi Damensauna 10 - 23 Uhr Die ehemalige Fachwerkkirche und Schule in Betzenrod ist Kulturdenkmal „aus bau- und sozialgeschichtlichen sowie städtebaulichen Gründen“. Sie soll für eine neue Nutzung restauriert werden. Foto_Schmid Über den Autor Rainer Schmid ist Autor des Reisehandbuches „Fachwerkkirchen im Vogelsberg“ ( 2., aktualisierte und erweitere Aufl. 2015, im Eigenverlag, aber auch im Buchhandel erhältlich). Die Erkenntnisse seiner weiteren Recherchen stellt er in dieser Reihe im VulkanZeiger vor. www.fachwerkkirchen.jimdo.com Das vergessene Denkmal In Erinnerung gerufen von Rainer Schmid


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