„Feuerwehr muss sich als moderner Dienstleister verstehen“
17.06.2010 - VOGELSBERGKREIS
Dr. Markus Pulm von der Branddirektion Karlsruhe referierte vor Führungskräften
(sigi). Den Verantwortlichen der Freiwilligen Feuerwehr Schlitz war es im Rahmen ihres Kreisfeuerwehrverbandtages gelungen, Dr. Markus Pulm von der Branddirektion Karlsruhe als Referenten zum breitgefächerten Thema „Arbeit in den Feuerwehren“ zu gewinnen. Das Referat richtete sich zum einen an Führungskräfte und zum anderen an Atemschutzgeräteträger.
Der ein oder andere Feuerwehrmann könnte sich gar manchmal überlegt haben, ob er in der Veranstaltung eigentlich richtig war, denn Pulm stellte mit seinen teils provokativen Ausführungen und Widerlegungen die Art der Durchführung und Abwicklung eines Einsatzes in Frage. Er rüttelte sogar an den Grundfesten des Feuerwehrwesens. So forderte er zum Umdenken auf, denn die Gesellschaft sei einem ständigen Wandel unterzogen. Diesem Wandel könne und dürfe sich auch die Feuerwehr nicht entziehen. Sie müsse auf neue Gefahren reagieren und moderne Technik einsetzen. Des Weiteren müsse sie auch bereit sein, zeitgemäße Denk- und Arbeitsweisen anzuwenden.
In diesem ständigen Wandel müsse begriffen werden, dass die Feuerwehr ein Dienstleistungsunternehmen sei, das sich darauf spezialisiert habe, rund um die Uhr die ungewöhnlichsten Aufträge entgegen zu nehmen und unter Zeitdruck mit modernem Gerät zu versuchen, für den Kunden ein möglichst optimales Ergebnis zu erzielen. Pulm tauschte die Begriffe „Betroffner“ beziehungsweise „Geschädigter“ durch das Wort „Kunde“, um begreifbar zu machen, dass sich über die „Hotline“ 112 nicht irgendjemand meldet, der vielleicht gerade einen Fehler begangen habe und nun mit seinem Latein am Ende sei. Vielmehr sei es ein Kunde, der der Feuerwehr einen Auftrag erteile. Dieser Kunde bestelle eine Dienstleistung und sei auch bereit für die Dienstleistung zu bezahlen, indem er mit seinen Steuern und Versicherungsbeiträgen den Dienstleister pauschal finanziere. Der Kunde erwarte eine Gruppe von Fachleuten, die sich mit seinem Problem auseinandersetzten und im Dialog mit ihm eine optimale Lösung erarbeiteten und umzusetzten. Anhand verschiedener Einsatzbeispiele wie einem Zimmerbrand im siebten Stock versuchte er, den Feuerwehrkräften eine logische Vorgehensweise zur Bekämpfung des Brandes zu vermitteln. Bei vielen Einsätzen könne es durchaus hilfreich sein, durch einfache Fragestellung die wirkliche Lage und Dringlichkeit zu erfassen. Deswegen sollte man sich angesichts der Einsatzstelle unter anderem folgende Fragen stellen und beantworten: Was ist bereits vernichtet? Was gibt es noch zu retten? Was ändere sich pro Zeiteinheit? Wo ist der Gefahrenschwerpunkt?
Der Feuerwehrmann müsse auch lernen aufzugeben. Er solle und dürfe dies nicht grundlos tun. Er sollte es aber unverzüglich tun, wenn er ansonsten Gefahr laufe, wertvolles Potential zu verschwenden, das an anderer Stelle gebraucht werde.
Pulms Fazit: Wann immer es die Lage erlaube -- und dies sei bei richtiger Beratung häufig der Fall - müsse sich der Einsatzleiter die Zeit nehmen, einen für den Kunden optimale Lösung zu finden. Und weiter: Um an den Einsatzstellen bessere Ergebnisse erzielen zu können, müsse in den Wehren mehr Überzeugungsarbeit geleistet und die kundenorientierte Denk- und Handlungsweise in theoretischen Unterweisungen und Übungen geschult werden. Es reiche nicht aus, nur die Führungskräfte zu schulen, denn viele Entscheidungen würden während eines laufenden Innenangriffs getroffen, wo die Trupps weitgehend auf sich alleine gestellt seien.