Samstag, 11. Februar 2012 00:12 Uhr
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Oberhessische Zeitung

Alsfeld 

Wie werden Menschen glücklich?

20.03.2010 - ALSFELD

VR Bank: Buchautorin Felicitas Heyne über Mechanismen des Glücklichseins

(gsi). Der Frauenanteil an der diesjährigen Mitgliederversammlung der VR Bank HessenLand war ungewöhnlich hoch, wie Vorstandsvorsitzender Helmut Euler zu Beginn per Handzeichen augenzwinkernd ermittelte. Ein Grund war schnell gefunden: Die bekannte Psychologin und erfolgreiche Buchautorin Felicitas Heyne war der Einladung der Bank gefolgt, um über die "Zehn größten Irrtümer zum Thema Glück" zu sprechen - ein Frauenthema, ganz offensichtlich.

Doch nicht nur für sie hielt die Referentin erstaunlich neue und alte Erkenntnisse bereit über ein Motiv, das derzeit in aller Munde ist und von vielen Autoren beschrieben und beleuchtet wird. Heynes Zehn-Punkte-Liste der Frustrationen über die Annahmen zum Glück begann mit ihrer eigenen Zunft: Psychologen machen nicht glücklich. Lange Zeit beschäftigten sie sich sogar nur mit dem Unglück. Die "Positive Psychologie" sei erst in den 80er Jahren von Martin Seligman entwickelt worden und beschäftige sich mit der Frage: "Wie kommt es, dass Menschen glücklich sind?".

Der Mensch bringe bei seiner Geburt 50 Prozent seines Talentes zum Glücklich- oder Unglücklichsein mit. Über die anderen 50 Prozent entscheide er selbst, darin seien sich aktuelle Ergebnisse, die aus der Zwillingsforschung herrühren, einig. Psychologen spielten bei diesem Prozess keine Rolle. Auch Geld mache nicht glücklich, räumte die Expertin auf charmant-humorvolle Weise mit dem zweiten Irrtum auf: Lottomillionäre seien bereits drei Monate nach dem ersten Hoch wieder bei ihrem "Setpoint", ihrem ganz persönlichen Glückspunkt, der von dem Menschen immer wieder angestrebt wird, angekommen. Langfristig sind Lottomillionäre sogar überdurchschnittlich häufig depressiv. Geld, so die Psychologin mit einem Augenzwinkern auf ihren Auftraggeber, mache jedoch dann glücklich, wenn man sich damit positive Erinnerungen verschaffe oder es für wohltätige Zwecke spende. Schönheit und Jugend, ganz oben aufgehängt in der Gesellschaft, könne man auch von der Liste der Glücklichmacher streichen.

Eine Statistik zeige, dass der Glückszenit eines Menschenlebens im Alter von 74 Jahren erreicht sei. Tröstliche Aussichten also, dass mit dem Alter die Zufriedenheit mit der Gelassenheit und Lebenserfahrung steigen soll. Im Zusammenhang damit stellte die Psychologin auch die überraschende Erkenntnis in den Raum, dass auch Gesundheit nicht glücklich mache und Krankheit im Umkehrschluss nicht zwangsläufig unglücklich. Der Mensch sei anpassungsfähig und finde sein Glücksniveau auch unter erschwerten Bedingungen wieder.

Als besten Beleg dafür nannte sie die Begeisterung der körperbehinderten Sportler bei den aktuell stattfindenden Paralympics. Ein Irrtum sei auch, dass die Ehe nicht glücklich mache, stellte Felicitas Heyne fest. Ein Raunen ging durch die Runde, als sie Studienergebnisse präsentierte, nach denen verheiratete Menschen in der Glückshierarchie ganz oben stünden, länger und gesünder lebten, stressresistenter seien. Einsamkeit, so die Psychologin, sei langfristig gesehen sogar ungesünder als das Rauchen.

Kinder hingegen machten nicht glücklich, höchstens dann, wenn sie "erfolgreich wieder aus dem Haus sind", wusste die Glücksexpertin zur Überraschung der Anwesenden zu berichten: Meinungsverschiedenheiten, Vernachlässigung des Partners, schlaflose Nächte und Alltagssorgen mit Kindern schlagen nach Expertenmeinung negativ in der Glücksbilanz zu Buche. "Dass Kinder glücklich machen, ist ein von Müttern verbreiteter Mythos, die gerne Großmütter werden wollen." Chancen auf Glück mit Kindern hätten jedoch diejenigen, die nicht mir unrealistischen Erwartungen an die Familiengründung herangingen.

Unglück sei nicht das Gegenteil von Glück, lautete die siebente Feststellung auf Felicitas Heynes Liste. Beide Gefühle entstünden in unterschiedlichen Hirnarealen und könnten nebeneinander existieren. Dies bedeute folglich auch, dass Glück nicht die Abwesenheit von Unglück sei, sondern, so wurde es auf den Punkt gebracht, die Abwesenheit von Langeweile: Nichtstun mache nicht glücklich, so die achte These. Der Mensch brauche eine Aufgabe, einen Sinn, etwas, das ihn antreibt. Tun und Schaffen identifizierte die Psychologin als menschliches Grundbedürfnis. Auch mit dem Irrtum, dass glückliche Menschen nicht länger lebten als unglückliche, ging Felicitas Heyne ins Gericht: Glücklichsein stärke das Immunsystem, eine um neun Jahre erhöhte Lebenserwartung sei die Folge.

Als letzten Punkt ihres ebenso geistreichen wie witzigen Vortrages verneinte die Referentin die Aussage, dass Glück und Unglück Schicksal seien. "Glückliche schauen auf die Rosen, Unglückliche auf die Dornen", so die Expertin, die einer optimistischen Grundhaltung auch Einfluss auf die Erfolgschancen belegte. Ein kleiner Film zeigte am Ende allen Gästen, wie schnell man sich in seiner Aufmerksamkeit selbst mit Scheuklappen ausstattet und nicht mehr sieht, was außerhalb des eigenen Fokus passiert. "50 Prozent unseres Glücks haben wir selbst in der Hand", kam Felicitas Heyne auf ihr Ausgangsstatement zurück, hilfreich sei es da, das Positive zu erkennen, Kritik nicht überzubewerten und Lob zuzulassen. Eine glückliche Hand hatten sicher die Veranstalter von der VR Bank mit der Auswahl ihrer Referentin, denn auch nach dem Vortrag wurde in kleinen Runden noch viel über das Glück diskutiert.

Übers Glück: Felicitas Heyne.Foto: gsi


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