Studentische Initiative „Gefangenes Wort“: Werkstattgespräch mit Schriftstellerin Katja Behrens
10.02.2012
Von Stephan Scholz
GIESSEN. Weißrussland nach der Präsidentschaftswahl im Dezember 2010. Weil er sich an einer Demonstration gegen die Regierung von Präsident Alexander Lukaschenko beteiligt hat, wurde der Journalist und Regimekritiker Dzimitry Bandarenka zu zwei Jahren Strafkolonie verurteilt. Mit seinem Schicksal steht Bandarenka nicht allein, denn weltweit sind Schriftsteller und Publizisten gerade wegen ihrer Tätigkeit Repressalien ausgesetzt. Um verfolgten Autoren zu helfen, hat sich 2008 die studentische Initiative „Gefangenes Wort“ gegründet, die zu diesem Zweck seit 2009 regelmäßig unter anderem Bücherflohmärkte veranstaltet und die Erlöse des Marktes im vergangenen Jahr Bandarenka zukommen lässt.
Doch die Studierenden möchten noch mehr tun, wie bei einem Werkstattgespräch mit Autorin Katja Behrens deutlich wurde. „Es ist fantastisch wie weit Sie die Initiative schon gebracht haben“, sagte Behrens im Gespräch mit den Studierenden Julia Richter, Kathy Gareis, Leslie Kuhlmann, Jan Suberg und Michael Weise. Das Engagement von „Gefangenes Wort“ mache Hoffnung, dass es Menschen gibt, die nicht gleichgültig sind und sich für andere einsetzen, betonte die Autorin, die 2008 den Anstoß zur Gründung der Organisation gegeben hatte.
Nach einem Vortrag der Schriftstellerin - seinerzeit Vorsitzende des deutschen „Writers-In-Prison-Comittees“ - im Seminar „Literaturpolitik, Literatur-event, Literaturereignis“ von Honorarprofessor Sascha Feuchert hatten sich einige Studierende zusammengetan und die Initiative kurzerhand aus der Taufe gehoben. „Da machen Sie etwas ganz Wichtiges“, lobte Behrens die Studenten, deren Bilanz sich sehen lassen kann, wie Weise am Freitag verdeutlichte. Nachdem im Gründungsjahr zunächst eine kleine Flugblatt-Aktion zum „Writers-in-Prison-Day“ gestartet worden war, veranstalteten die Mitglieder im Frühjahr und Herbst 2009 die ersten Bücherflohmärkte, die mittlerweile zur Tradition geworden sind und 2011 3161 Euro zugunsten Bandarenkas erwirtschaftet haben. „Weil sie in autoritären Systemen leben, ist es schwierig, den Autoren das Geld zukommen zu lassen“, berichtet Weise, der die Aktivitäten von „Gefangenes Wort“ zusammen mit seinen Mitstreitern jedoch gern ausweiten möchte.
Die Idee: Gießen soll dem Netzwerk „Städte der Zuflucht“ beitreten und wie beispielsweise Frankfurt am Main - wo das Projekt von der Gesellschaft zur Förderung der Literatur aus Afrika, Asien und Lateinamerika „Litprom“ unterstützt wird - verfolgten Autoren Asyl bieten. Das Problem: Die Studenten müssten nicht nur eine Wohnung beschaffen und unterhalten, sondern auch dafür sorgen, dass aufgenommene Schriftsteller über einige Jahre monatlich etwa 800 Euro für den Lebensunterhalt zur Verfügung hätten.
Im Gespräch mit Behrens wurden unterschiedliche Lösungsansätze diskutiert: Kann die Stadt Gießen eine Wohnung zur Verfügung stellen und das Kulturamt die Kosten für Wasser, Heizung und Strom übernehmen? Kann vielleicht das Studentenwerk Wohnraum bereitstellen? Gibt es Firmen, die willens sind, den Lebensunterhalt eines aufgenommenen Autors als Sponsoren zu übernehmen? Diese Fragen sollen in der nächsten Zeit geklärt werden. Als ersten Schritt beschlossen die Studierenden, sich prominente Unterstützer zu suchen, deren Aussagen auf der Homepage http://www.gefangenes-wort.de veröffentlicht werden sollen. Zudem beabsichtigen die Akteure zukünftig, Schicksale von Autoren wie beispielsweise Bandarenka, mit Foto publik zu machen und noch stärker in die Öffentlichkeit zu tragen.
Die erste Unterstützerin ist bereits gewonnen, denn Katja Behrens - die den Studierenden mit Blick auf Länder wie Ägypten oder Syrien riet, Blogger in den Autorenkreis zu integrieren - war sofort bereit, ein Statement von ihr auf der Website der Initiative veröffentlichen zu lassen. Übrigens: Wer sich bei „Gefangenes Wort“ aktiv einbringen möchte, findet Informationen auf der Homepage. Auch Nicht-Universitätsangehörige können sich beteiligen.