Der 68-Jährige Countrysänger bewies mit einer ausgezeichneten Band bei einem kleinen Konzert in Fulda, dass es im Leben immer vorwärts geht
FULDA (ar). "Wer zur Hölle ist denn Gunter Gabriel?", fragte ein Pärchen, ungefähr Mitte 20, am Dienstagabend vor dem Kulturkeller in Fulda. Als ihnen erklärt wurde, dass es sich bei Gunter Gabriel um eine deutschen Countrysänger handele, meinten sie: "Wie Johnny Cash? Cash ist cool." Und es hätte ihnen gefallen, wenn sie nicht am Ende, sondern stattdessen zu Beginn des rund zweieinhalbstündigen Konzerts des raubeinigen Helden für alle Trucker, Arbeiter und Außenseiter gekommen wären. Denn für Gabriel gilt dasselbe wie für Cash: Gabriel ist cool.
Ein Konzert mit Gunter Gabriel ist nicht nur sehenswert auf Grund seiner Musik, es sind auch seine Geschichten, die seine Konzerte zu einem besonderen Erlebnis machen. Denn in diesen Anekdoten, selbst gezimmerten Weisheiten und witzigen Schoten ist ein Mann zu finden, der mit seinen mittlerweile 68 Jahren auf ein bewegtes Leben zurückblicken kann - und schonungslos offen darüber berichtet. Er zeigt allen Menschen, für die Geld und Macht das Wichtigste im Leben sind, den erhobenen Mittelfinger, berichtet aber genauso schonungslos offen darüber, wie er selbst "in der Scheiße gesteckt hat", aber trotzdem nie aufgegeben hat: "Bin ich abgestürzt? Vielleicht? Aber nicht metertief, sondern nur 30 Zentimeter höchstens. Ich habe mich in jeder Situation wohlgefühlt, weil ich begriffen habe, dass das, was heute Scheiße ist, nicht morgen auch noch Scheiße sein muss." Dazu gibt es viele, viele Lieder, inspiriert zum Beispiel vom Roman "der alte Mann und das Meer", Lieder, die betonen, dass niemand zu lange in seinem Leben darauf warten sollte, dass es endlich vorwärts gehe. "Ihr müsst selbst etwas tun, sonst passiert gar nichts", betonte Gabriel mit Überzeugung.
Es war nicht nur der Rhythmus des Country, es war auch das Gefühl des Blues, die das Konzert im kleinen Kulturkeller mit rund 60 Zuschauern zu einem ganz besonderen Erlebnis machten. Dazu trugen auch die ausgezeichneten Musiker bei, die Gabriel begleiteten und denen nicht nur das Können anzuhören war, sondern auch die Freude am Spiel ins Gesicht geschrieben stand. Das ganze Konzert hatte etwas von einer exklusiven Vorpremiere, schließlich spielt Gunter Gabriel diesen Samstag im großen Saal der Hamburger Laeiszhalle, in dem bereits viele Berühmtheiten aufgetreten sind. So nah wie in Fulda wird ihm dort das große Publikum jedoch nicht kommen können.
Das Spiel mit dem Publikum beherrscht Gabriel nämlich perfekt: Er ging auf Zwischenrufe ein und scherzte mit den Zuhörern, als ob es seine alten Freunde wären. Und dazwischen gab es immer wieder einen Mix aus den alten Hits wie "Hey Boss, ich brauch mehr Geld", "Er ist ein Kerl (Er fährt nen 30-Tonner Diesel)" und "Intercity Linie Nr. vier". Neben "Komm unter meine Decke" gab es auch - ebenfalls in bester Gabriel-Manier - eine Reihe von neu-aufgelegten, aber umgetexteten Hits anderer Künstler zu hören. Aus Janis Joplins "Me and Bobby McGee" wurde "Freiheit ist ein Abenteuer", Bob Dylans "Wanted Man" wurde zu "Ich werd gesucht in Bremerhaven". Neu im Programm ist die gelungene Hommage an Anette Humpe mit "Deine blauen Augen", auch David Bowies "Heroes" erklang im Gunter Gabriel-Gewand - wobei die "neue" Version sich durchaus mit dem Original messen kann. Richtig tief in die Blueskiste griff Gabriel auch bei der Interpretation des Peter Fox-Stücks "Haus am See", was so manchen jüngeren Zuhörer aufhorchen lies.
"Sohn aus dem Volk - German recordings" heißt Gabriels neue CD, quasi als Verbeugung vor Johnny Cashs "American Recordings". Dort ist auch die "Übersetzung" von Radioheads "Creep" zu finden, was bei Gunter Gabriel zu "Ich bin ein Nichts" wird, wobei er dabei nicht seine persönliche Verfassung beschreibt, sondern eher sein Leben im Spiegel der materialistischen Gesellschaft sieht.
Gunter Gabriel ist mehr als ein Loblied auf die Trucker, mehr als sein Schlachtruf "Die Arbeiter sind die wahren Helden" - Gunter Gabriel hat immer angeeckt und ist darauf stolz. Und gerade das macht seine Lieder so interessant und verleiht ihnen etwas, was heute an so vielen Stellen fehlt - Ehrlichkeit.