Alsfelder Fotograf sammelt Spenden für Reise nach Tschernobyl
08.01.2011 - ALSFELD/LOS ANGELES
Der gebürtige Alsfelder Fotograf Gerd Ludwig sammelt für eine weitere Reportagereise
(aep). Was tut ein freischaffender Journalist, wenn sich für sein Projekt kein Geldgeber finden lässt? In den USA gibt es darauf seit kurzem eine neue Antwort: Er sucht über das Internet finanzielle Unterstützung. Diesen Weg geht derzeit auch der Fotograf Gerd Ludwig, gebürtig aus Alsfeld, ansässig in Los Angeles und einziger Deutscher im Team der Dokumentar-Fotografen des amerikanischen Reportage-Magazins National Geografic.
Gerd Ludwig möchte noch einmal Tschernobyl besuchen - jenen Unglücksort, von dem er in den vergangenen Jahren immer wieder beeindruckende Fotoserien mitbrachte. Bilder, für die der 63-Jährige seine Gesundheit riskierte, weil er direkt in dem zerstörten Atom-Meiler fotografierte, eingepackt in einen Schutzanzug, ein Dosimeter um den Hals. „Kein Fotograf war je so tief drin wie ich.“
Im Mai steht das in der Branche berühmte Fotofestival von Zingst im Norden Deutschlands an. Gerd Ludwig ist mit seiner Ausstellung über Tschernobyl und die Folgen des Reaktorunglücks dabei. Er möchte sein großes Werk über die unglückliche Katastrophenregion abrunden - fast genau 25 Jahre, nachdem der Meiler geborsten ist - musste aber feststellen, dass sich für eine erneute Expedition in die verstrahlte Stadt keiner seiner üblichen Geldgeber finden ließ. National Geografic lehnte ab, weil es das Thema erst vor wenigen Jahren behandelte. Aber auch deutsche Magazine hätten kein Interesse gezeigt, erklärt der Fotograf. Um die 50 000 Dollar zusammen zu bekommen, die das Projekt insgesamt verschlingt, nutzt Ludwig nun einen Weg, der in den USA immer mehr gefragt ist: Er sucht Spender.
Die Internetplattform „Kickstarter“ (www.kickstarter.com) bietet dazu das Forum - als eine von mehreren inzwischen. Dort platzierte Gerd Ludwig eine Präsentation unter dem Titel „The long shadow of Tschernobyl“: mit Video-Vorstellung, Foto-Galerie, Spenderliste und Spendenbarometer - neben den Projekten von Comedians, Künstlern, Erfindern, Fotografie-Kollegen und jeder Menge Dokumentarfilmern. Nicht jeder darf das: Gerd Ludwig musste die Förderung bei den Betreibern der Plattform beantragen, indem er sein Anliegen darlegte. „Das ist heute eine gängige Art“, erklärt er aber - mit eigentlich negativem Hintergrund.
Denn diese Spendensammlung entstand aus der Not heraus: Die große Krise auf dem Zeitungsmarkt sorgte für Geldnot im ursprünglich sehr reportage-aktiven, amerikanischen Journalismus. Manche Expedition, für die früher Magazine oder Zeitungen einstanden, brauchten neue Geldgeber - es schlug die Stunde der Spendensammlung via Internet. „Kickstarter“, erklärt Gerd Ludwig, sei nicht die einzige, aber die erste Plattform dafür.
„Marsmenschen“
Auf seinem Platz bei Kickstarter und auf einer verlinkten, eigenen Website steht der Fotograf dann vor der Videokamera und erklärt dem Publikum, warum er noch einmal nach Tschernobyl muss - was es eigentlich mit dem Ort und den betroffenen Menschen auf sich hat. Eine Foto-Galerie zeigt bisherige Bilder aus der Region und dem verwüsteten Reaktor: überwachsene und verrottende, weil lange verlassene Straßen und Häuser, „Marsmenschen“ in den verseuchten Katakomben des Werks, eine rostende, riesige Schalttafel - der Ort, an dem einst das Unglück seinen Anfang nahm.